Das glorreiche Schnabeltier

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ente21 Avatar

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Albert, das Schnabeltier, ist unglücklich im Zoo von Adelaide und macht sich auf den Weg ins Alte Australien, wo noch alles so sein soll wie früher. Sein Weg dorthin führt ihn durch die Wüste und ist beschwerlicher als Albert dachte: Er verdurstet fast, trifft auf Betrüger und Feinde, die ihm ans Leben wollen. Doch er findet auch enge Freunde, entdeckt fremde Teile Australiens und ihre Bewohner und nicht zuletzt lernt Albert auch eine Menge über sich selbst.

Zuerst stand ich dem Buch sehr skeptisch gegenüber. Die Charaktere, insbesondere die Hauptfigur, sind etwas gewöhnungsbedürftig: Alle sind Tiere, aber zugleich sind auch alle vollkommen menschlich: Sie tragen in der Regel Kleidung, handeln, trinken, schließen enge Freundschaften, führen Krieg, machen Feuer und sprechen eine Sprache. Dabei unterscheiden sich die verschiedenen Tiergruppen, wie sich auch einige Bevölkerungsgruppen im führeren Australien unterschieden haben könnten: Es gibt die rätselhaften, schweigsamen Ureinwohner mit ihrer starken Naturverbundenheit und ihren festen Werten, aber auch mit ihren fremdartigen, brutalen Ritualen und ihrer Unnahbarkeit. Es gibt die Bewohner kleiner Minenstädtchen, misstrauisch, fremdenfeindlich und leicht aufzuhetzen, die ihren Abend mit Boxkämpfen, Wetten und Trinken verbringen. Es gibt die Verschlagenen, die sie anführen, und es gibt die Leichtgläubigen, die ihnen folgen. Es gibt, fast wörtlich, einsame Wölfe und es gibt die sinnsuchende Hauptfigur, Albert. Kurz: Vom Metaphernreichtum kann es der Roman mit "Farm der Tiere" aufnehmen, wie der Klappentext verspricht. Stellenweise sind diese Metaphern aber etwas überdeutlich und penetrant, als müsse der Autor immer wieder die Eigenschaften einzelner Figurengruppen betonen. Das stört manchmal.
Wie erwähnt ist es schwierig, sich in diese Metaphern einzulesen. Deswegen wirkt die Geschichte am Anfang etwas gekünstelt und man weiß nichts damit anzufangen--so ging es mir zumindest. Keine richtigen Tiere, keine Menschen... Aber wenn man einmal "reinkommt", ist das Buch großartig! Trotz der klar abgegrenzten Gruppen gelingt es dem Autor nämlich, jede Figur individuell zu gestalten, mit ihren unverwechselbaren Charaktereigenschaften, ihrer Vorgeschichte usw. Vor allem Albert wächst einem schnell ans Herz, anfänglich nur wegen seiner Niedlichkeit, aber später kennt und liebt man ihn als ganze Person und fiebert gerne mit.
Das liegt auch an den verschiedenen Handlunssträngen des Buches: Allen voran die Frage, ob und wie Albert das Alte Australien findet, aber im weiteren Verlauf auch die Vorgeschichte seiner Freunde und die Entwicklung des Konflikts zwischen den Tiergruppen. Nie wird die Geschichte langweilig.
Zudem gelingt es dem Autor, viele Landschaften schön zu beschreiben und viele Gefühle und Situationen berührend zu schildern. Man fühlt mit den Tieren mit wie mit Menschen--und dazu muss eine Tiergeschichte ziemlich viel "Niedlichkeitseffekt" überwinden. Dabei ist der Schreibstil flüssig und klar, auch wenn die Übersetzung an der ein oder anderen Stelle etwas seltsam anmutet.
Ich hätte mir das Buch wahrscheinlich nicht gekauft, auch nicht nach der Leseprobe. Jetzt bin ich aber sehr froh, es gelesen zu haben und es wird mir bestimmt im Gedächtnis bleiben.