Eile mit Weile

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luzy_anne Avatar

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 Also, nun melde ich mich auch endlich zu Wort.

Für das Buch "Blauauge" von Joanne Harris habe ich eine geraume Zeit benötigt, um es durchzulesen. Erstens, weil ich am Tage nur im Schnitt nur abends Zeit hatte, um mich meiner Lektüre hinzugeben und zweitens, weil ich finde, dass dies kein Buch ist, was man zu schnell und zügig lesen kann.

Ich fand es sehr anspruchsvoll, und dies auf positive Weise. Gerade die Wechsel zwischen den Perspektiven, Zeiten und "Räumen", also Internetblog versus Realität, erfordern ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration. Bei diesem Buch handelt es sich meiner Meinung nach nicht um eine Lektüre, die man so nebenbei lesen kann. Und gerade dies war ein Punkt, der mir gut gefallen hat. Da mitdenken und am Ball bleiben gefragt war, und es sich dadurch nicht nur um ein passives Aufnehmen n Form von Lesen handelt. 

Der Einstieg in das Buch gelingt leicht, dann hält es sich eine Weile konstant, bzw. beginnt ein langsamer Spannungsaufbau. Es ist gut, dass der Anfang und Einstieg in das Buch nicht so rasant verläuft, da man sich einen Überblick über die Struktur und den Verlauf des Buches verschaffen muss: welche Abschnitte gehören zum "Blog", was ist Hintergrundinformation, was spielt sich gerade ab... Wenn man das geschafft hat, sich also von dem häufigen Wechsel der Perspektiven nicht abschrecken lässt und sich nfangs nicht zu viel an Spannung und aufregenden Informationen verschafft, gelingt die Vertiefung in das Buch. 

Daher ist die erste Wende auch so überraschend. Als die Erkenntnis bezüglich der erzählenden Person eintritt, war ivh gewillt, erneut von vorne anzufangen zu lesen, um herauszufinden, ob der Plot auch realistisch bzw. nachvollziehbar ist. Ich habe mich für das Weiterlesen entschieden. Da ich das Buch vermutlich in ein paar Jahren nochmals lesen werde (wenn die Erinnerung verblast ist) werde ich jedoch darauf achten. Auf jeden Fall war dies ein Überraschungsmoment, der dazu beigetragen hat, die Perspektive beim Lesen zu wechseln, und langsam alles mit anderen Augen zu sehen. 

Das macht das Buch mitunter so gelungen. Da es ein stetiger Prozess beim Lesen gewesen ist: Einstige finden, in die GEschichte reinkommen, sich "heimisch" fühlen - und dann der Schlag: ganz neue Erkenntnisse, eine ganz neue Sichtweise - und trotzdem bleibt der Sinn erhalten. Also, wieder von vorne in den HAndlungsverlauf finden und dann aufs neue: das Ende, was man schon als tragisch bezeichnen kann. Es passt perfekt zum Buch, denn ein Happy End wäre wahrscheinlich nicht glaubwürdig erschienen. 

Das Buch beschreibt inhaltlich viele gesellschaftliche Probleme, was es wiederum interessant macht. Denn mitunter ist die Aufgabe eine Künstlers auch darin zu sehen, gesell. Missstände anzuprangern und durch stilistische Mittel zu forcieren, so dass der Empfänger, in dem Fall der Leser, zum Nachdenken angeregt wird. Man fragt sich beim Lesen, wer verkorkster ist: Die Mutter, alle ihre Kindern, die anderen in der Kleinstadt lebenden-- eben alle Personen, die die Autorin in ihre Geschichte miteinfließen lässt. Man weiß nicht so recht, mit wem man Mitleid empfinden soll, ob Mitleid überhaupt angebracht ist- Mitgefühl hat man allemal. Gerade auch weil man während des Lesens doch auch einen emotionalen Bezug zu den Protagonisten herstellt, erscheint das Ende so tragisch, so schlimm und, man kann es ruhig so nennen, grauenvoll. 

Ich fand das Buch sehr gelungen. Es hatte alle mit drin, was ein gutes Buch ausmacht: Stilistisch abwechslungsreich, inhaltlich anspruchsvoll und sprachlich vollendet. Es ist keine leichte Kost und beansprucht Zeit beim Lesen.. Aber das ist nicht unbedingt ein Kritikpunkt, denn so kann man sich intensiv mit dem Inhalt auseinandersetzen und das Gelesene verarbeiten. 

5 Sterne