Mysterien

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elisabethbulitta Avatar

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Ich muss gestehen, dass Aale bis dato so gar nicht zu meinen Interessensgebieten zählten. Doch haben sowohl der ungewöhnliche Titel dieses Buches als auch das sehr ansprechende Cover mich zum Griff zu „Das Evangelium der Aale“ von Patrik Svensson animiert. Erschienen ist dieses 256-seitige Buch, teils Sachbuch, teils Roman, im Januar 2020 im Carl Hanser Verlag.
Der Autor ist an der schwedischen Aalküste aufgewachsen. Zusammen mit seinem Vater hat er die Aalfinsternis am Ende des Sommers dazu genutzt, diesen Fisch zu fangen. Immer wieder kommt Svensson in seinem Buch auf diese Zeit zurück, die weniger von Gesprächen, als viel mehr vom Schweigen geprägt war. Einem Schweigen, das Raum und Zeit gab, dem Leben nachzuspüren. Dem Leben der Fische, aber auch dem Leben an sich.
Immer wieder unterbrochen werden diese Szenen, die sich fast wie eine Liebeserklärung an seinen inzwischen verstorbenen Vater lesen, durch Kapitel, die dem Wissen über diese Fischart gewidmet sind. Dabei geht der Autor jedoch über rein naturwissenschaftliche Fakten, die selbstverständlich auch eine Rolle spielen, hinaus: So wendet er sich der Geschichte der Aalforschung zu, der Bedeutung, die Aal und Aalfang in den verschiedenen Kulturen hatten und haben, schreibt über die Bedeutung des Aals in Religion und Literatur und schlägt schließlich den Bogen zu Fangquoten der EU und zum Umweltschutz. Insgesamt wird so ein buntes Kaleidoskop dieses Meeresbewohners geschaffen, das darüber hinaus dazu anregt, sich mit unserem Dasein zu beschäftigen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wie erleben wir – im Gegensatz zum Aal – das Sein? Ja, wer oder was sind wir eigentlich?
Mit dem Aal haben sich viele Menschen beschäftigt – sowohl berühmte als auch weniger berühmte. Zu den berühmteren zählen wahrscheinlich Aristoteles, Siegmund Freud, Günter Grass oder Rachel Carlson. Auch über das Leben und Werk dieser Persönlichkeiten erfährt die Leserschaft einiges Wissenswertes.
Svenssons Sprache ist eher romanhaft, stellenweise schon fast poetisch, als trocken und objektiv. Dabei gelingen ihm viele Passagen, die Leserinnen und Leser leibhaft teilhaben lassen am Geschehen – egal, ob es sich um nächtliche Angeltouren oder frühere Reisen rund um die Welt handelt. So ist dieses Buch nicht nur als Sachbuch lesenswert, sondern auch als Literatur.
Das Cover zeigt sich schlängelnde Aale im Stil alter Kupferstiche vor einem blau-grünlichen Hintergrund. Schon dieses ist eine Augenweide für sich.
„Evangelium“ bedeutet auf Deutsch „Frohe Botschaft“. Welche frohe Botschaft können diese Tiere uns Menschen bringen? Wie auch die biblischen Evangelien geben sie sicher keine leichte Antwort auf schwierige Fragen. Aber sie laden dazu ein, tiefer zu blicken, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich mit unseren existenziellen Fragen sowie unserem Umgang mit der Natur zu beschäftigen.
Mit großen Erwartungen bin ich an dieses Buch mit seinem mir eher fern liegenden Thema herangegangen – und wurde nicht enttäuscht. Patrik Svensson ist es gelungen, mich von Anfang an zu faszinieren: Sei es für den Aal als für lange Zeit geheimnisvolles Wesen, sei es als kleine philosophische Abhandlung über das Leben als solches. So kann ich dieses Buch nur allen Leser/innen wärmstens empfehlen. Für mich ein klares Fünf-Sterne-Buch.