Ein Mädchen wird erwachsen

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agathemaus Avatar

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„Vielleicht wäre alles unkomplizierter, wenn man die Wahrheit sagen würde.“ Seite 192

Das wohlbehütete Leben der 13jährigen Giovanna zerfällt, als durch eine unbedachte Äußerung ihres Vaters ihr Selbstbild ins Wanken gerät und die sicher geglaubten Wahrheiten ihres Lebens in Zweifel gezogen werden. Aus der geschickt gewählten Sicht der Erwachsenen heraus beleuchtet Giovanna ihr jugendliches Ich. Sie, Tochter aus bildungsbürgerlichem Hause, erlebt, wie die sorgfältig aufgesetzte Fassade des Lebens bröckelt und verliert das Urvertrauen in die Makellosigkeit der Eltern.

Welch ein vielschichtiges, psychologisch ausgelotetes Meisterwerk voller komplexer Charaktere Ferrante hier erschaffen hat! Eine Suche nach der eigenen Identität in einer Wirrnis von Heuchelei und Verschweigen.

Sprachlich faszinierend, fließend und bestechend intensiv, einzigartig in der unbarmherzigen Aufarbeitung weiblicher Gefühle. Elena Ferrantes Giovanna durchlebt die Strapazen der Selbstwerdung, den Weg jedes Mädchens von der Jugend zum Erwachsenwerden, um innerlich wachsen und sich selbst lieben zu können. Enthalten sind hier brillante Beschreibungen der wechselhaften Phasen der Pubertät.

„… der Winter verging, während ich versuchte, mir immer fremder zu werden.“ Seite 170

Die Selbstwahrnehmung Giovannas erfolgt zunächst durch die Augen des behütenden Vaters. Als dieser sie kritisiert und mit der ihm verhassten Tante vergleicht, interpretiert sie dies als Abwertung. Ihr Selbstbild wankt, sie sucht Kontakt zu dieser ihr fremden Tante Vittoria.
Der Abstieg zu ihr in die dunklen Seiten Neapels wird zugleich ein Abstieg in die dunklen Teile Giovannas. Hier erlebt sie, dass es jenseits des bisher behüteten Lebens ein Leben inmitten von Dreck, Bildungsmangel, Lärm und wild ausgelebten Emotionen gibt.

Durch den Kontakt zur Tante keimen erste Zweifel an der Lauterkeit des Vaters auf. Diese Tante Vittoria ist die schillerndste Figur des Buches – großartig gezeichnet in ihrer überbordenden und unbeherrschten Persönlichkeit.

Giovanna fühlt sich dort wahrgenommen in ihrer Suche nach Identität und nimmt die Launen der unberechenbaren Tante auf. Sie fühlt sich durch sie, die in ihrer emotionalen Exzentrik alles erlebt zu haben scheint, als vollwertige Erwachsene verstanden.

Als per Zufall das perfide Lügengebäude des elterlichen Lebens aufgedeckt wird, zerbricht Giovannas sorgfältig aufgebaute Welt vollends. Es ist schmerzhaft zu erleben, wie die Sicherheit der moralischen Festigkeit der Eltern bröckelt, das untadelige Fundament plötzlich fragwürdig wird, Gut zu Böse mutiert und umgekehrt. Wie die Tiefe, die Unsicherheit plötzlich Gewicht bekommen und alles Gelehrte fragwürdig wird. Der Graben zwischen den gebildeten, anerkannten Eltern und der ordinären, aufbrausenden, leidenschaftlichen Tante wird aufgehoben durch Aufruhr, Lügen und Heuchelei - das persönliche Glück zu finden scheint für Giovanna immer komplizierter. Bislang garantierte Gewissheiten, dieses zu erreichen, werden ausgelöscht.

Die Eltern wandeln sich von unantastbaren Autoritäten hin zu kritisch beäugten und emotional Bedürftigen mit stark manipulativen Zügen. Dies zu erkennen und einzuordnen ist für Giovanna ein Lern- und Akzeptanzprozess, der deutlich dargestellt wird, mir manchmal aber in der jugendlichen Selbstgefälligkeit auf die Nerven ging.

Die allergrößte Stärke des Romans ist sicher aufzuzeigen, dass sich Giovannas Zweifel und Unsicherheiten in jedem verstecken, sich jeder darin wiederfindet. Ferrante erzählt vom schmerzhaften Durchleben der Adoleszenz, der Wankelmütigkeit der Eindrücke, der Schwierigkeit, diese einzuordnen, auch der eigenen Grausamkeit gegenüber den Gefühlen anderer. Wird Giovanna es schaffen, ihre eigene Zukunft auf den Trümmern der Lügen aufzubauen? In wenigen Sätzen wird das ganze Drama des Erwachsenwerdens erschaffen.

„Es gelang mir nicht mehr, unschuldig zu sein, hinter den Gedanken existierten andere Gedanken, die Kindheit war vorbei.“ Seite 147

Auf ihrem Weg zur Reife lernt sie selbst zu lügen, mit Worten zu demütigen und zu manipulieren und ist damit nicht besser als jene, die sie ablehnt und verurteilt. Sie handelt grausam und verletzend aus Unfähigkeit, ihre Gefühle zu kanalisieren, glaubt eine bessere Erwachsene zu werden als alle anderen - und muss doch kläglich scheitern. Sie rebelliert und provoziert, macht würdelose erste sexuelle Erfahrungen, erkundet ihre eigenen Grenzen bis zum Rand des Ertragbaren. Sie erlebt Unwahrheiten, Verrat und Betrug, die Komplikationen und Vielschichtigkeiten des Menschseins. Verliebt sich und erkennt, dass man sich auch als Erwachsener nicht erheben kann über das Chaos dessen, das sich Gefühl nennt.

Dies ist aber nicht ausschließlich ein Roman über jugendliche Entwicklung, er handelt von so viel mehr: von dem Verfall einer Familie, den komplizierten Verflechtungen von Freundschaften, komplexer innerfamiliärer Miss- und Machtverhältnisse. Eine Dokumentation des Dramas einer Familie und deren Auflösung. Des Chaos der Emotionen. Ein Psychogramm der Suche nach Liebe und deren vielfältiger Ausprägung.
Letztlich sind alle bedürftig. Alle Heuchelei, alle Lügen, alle Täuschungen drehen sich im Kern darum, dass man geliebt werden möchte.

„Ich fühle mich hässlich und charakterlos, und trotzdem will ich geliebt werden.“ Seite 241

Elena Ferrante bleibt sich treu durch glaubhafte Charakterzeichnungen, realistisch bis an die Schmerzgrenze. Niemals einfach oder oberflächlich. Fast körperlich spürt man Giovannas verzweifelte Versuche, sich selbst nahe zu kommen, wie oft wollte ich ihr zurufen: hör auf damit! Das macht alles schlimmer!

Wunderbar zu lesen ist auch wieder diese präzise Darstellung von Freundschaft (wie schon in der Neapolitanischen Saga) - diesem verworrenen Knäuel von Liebe, gegenseitiger Achtung, Misstrauen, Gemeinschaftsgefühl, Machtspielen und Vertrauen.

Lügen und Manipulation gehören zum Menschsein dazu und jeder, der zu einem Erwachsenen heranreift muss lernen dies zu akzeptieren und sich damit zu arrangieren. Gut und Schlecht zu sortieren und für sich selbst einzuordnen ist möglicherweise die größte Aufgabe auf diesem Weg zur Reife, der ja nie abgeschlossen sein wird.

„Lügen, nichts als Lügen, die Erwachsenen verbieten sie und lügen dabei selbst, was das Zeug hält.“ Seite 192

Giovanna bei diesem Lernprozess zu begleiten ist oft ein Geschenk – und manchmal ein wenig quälend, das will ich einräumen. Ist doch ihre Entwicklung zwar immer nachvollziehbar, aber auch so, dass ich mir gelegentlich ein „jetzt reiß dich mal zusammen!“ nicht verkneifen konnte. Gerade anfangs des letzten Drittels des Romans kommt es auch zu etwas zähen Passagen, der Erzählfluss, ansonsten immer straff und klar, stockt hier mitunter wegen einiger Wiederholungen und Abschweifungen. Auch wirkt hier in Abschnitten der altersunangepasste Erzählton Giovannas aus der Perspektive der Erwachsenen teils altklug – was natürlich der Figurenentwicklung geschuldet ist, mich aber ab und an störte. Dies ist allerdings Gemaule auf höchstem Niveau – und mag von anderen Lesern vollkommen anders gewertet werden.

Das Ende bleibt offen – wie das Leben auch offen ist – in alle Richtungen.

Ja, es ist kalkuliert auf Fortsetzung angelegt – aber auch diese würde ich in jedem Fall lesen. Elena Ferrante bereichert einfach mit jedem Buch.

Eine klare Leseempfehlung.

.✒ großartig übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger ✒