Es ist nicht leicht, erwachsen zu werden

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antheia Avatar

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Giovanna ist ein junges pubertierendes Mädchen aus der Mittelklasseschicht Neapels. Musterschülerin, eine behütete Kindheit – die Eltern gebildete Intellektuelle, die durch ihr Auftreten Autorität ausstrahlen und eine Vorbildfunktion darstellen. Kurzum: die idealen Eltern, die scheinbar alles perfekt machen und sich für Giovanna ein perfektes, erfülltes Leben wünschen. Bis zu dem Moment, in dem Giovanna aufhört das kleine Mädchen zu sein und zu einer jungen Frau heranreift und dadurch in Konflikt mit ihren Eltern gerät. Was erschütternd ist, dass ihr eigener Vater sie eines Tags mit seiner verhassten Schwester Vittoria vergleicht, der hässlichen Schwester, die aus dem vulgären, einfachen Neapel stammt. Eine Welt, die Giovannas Vater gerne vergessen möchte. Giovannas scheinbar perfekte Welt fängt an zu bröckeln….
Endlich dürfen wir wieder in die Welt von Elena Ferrantes Neapel eintauchen, das sich vor allem durch die Menschen auszeichnet. Ich mag Ferrantes Geschichten, die mir die Menschen aus der Unter- und Mittelschicht Neapels so authentisch und nah vermitteln, als würde man sie persönlich kennen. Und obwohl die Geschichten meist auf den ersten Blick für mich keine epischen Romane zu sein scheinen. So taucht man auf den zweiten Blick ein in diese Stadt, nimmt die Gerüche wahr, die unterschiedlichen sozialen Gegensätze, das Temperament der Menschen… vor allem deren Leben.
Heldin dieses Romans ist Giovanna, die uns von der ersten Seite an in ihre Welt mitnimmt und uns an ihren Gedanken und Beobachtungen teilhaben lässt. Wir erleben hautnah als Leser mit, wie Giovanna aus ihrer scheinbar wunderbaren Welt durch eine unachtsame Bemerkung ihres Vaters herausgerissen wird. Wir erleben ihre Sichtweise durch den Spiegel einer heranwachsenden jungen Frau, die konsequenterweise zwischen ihren Gefühlen hin und her gerissen ist. Trotz des Widerstands ihrer Eltern versucht sie die verhasste Schwester ihres Vaters, Vittoria, kennen zu lernen. Jene Schwester, die aus dem Teil Neapels stammt, den Giovannas Vater vehement leugnet und hinter sich lassen möchte. Giovanna taucht ein in die ihr unbekannte Welt, die ihr immer vertrauter und bald näher als die eigenen Eltern erscheint. Und so werden Vittoria und ihre Bekannten bald Giovannas neue Familie, wenn man das so sagen darf. Ich möchte fast sagen, dass diese beiden Welten, die frühere perfekte Welt ihrer Eltern und die Realität in Vittorias Leben ein Sinnbild für die Zerrissenheit von Giovanna ist. Denn auch sie ist unsicher, trotzig und versucht ihre Grenzen auszutesten, zu provozieren und – wie könnte es anders sein, verliebt sich.
Für mich ist Ferrantes Geschichte eine wunderbar ernste, vielseitige Geschichte des Erwachsenwerdens. Und zwar nicht nur körperlich. Für mich wacht Giovanna aus einer idealtypischen Welt auf, die ihre Eltern um sie geschaffen hatten. Es ist fast schon ironisch, dass es genau die Eltern sind, die diese Welt zerstören. Giovanna lernt immer mehr hinter die Fassade des Lebens ihrer Eltern zu blicken, hinterfragt deren Leben, Beziehungen und Einstellungen und merkt bald, dass diese nicht so perfekt sind, wie es immer den Anschein hatte. Manchmal erkennt man sich ein stückweit selbst in Giovanna wieder. Und vielleicht macht das genau den Zauber ist. Denn Giovanna ist auf ihre Art sehr nahbar und authentisch.
Ich finde, Ferrante hat eine sehr wunderbare nüchterne Art zu schreiben. Ich hatte bei der vierteiligen Saga um Lila und Lelu noch meine Schwierigkeiten mit dem Sprach- und Schreibstil. Hier liest sich für mich die Geschichte aus Sicht von Giovanna von Anfang an flüssig, aber auch sehr unaufgeregt und berührend. Für mich gelingt es der Autorin wunderbar, die Gefühle der jungen Giovanna und deren Verwirrtheit in Worte zu fassen.
Mein Fazit: Für mich ein wunderbar tragisch-herzliches Stück über das Erwachsenenwerden und der Frage nach, dem „Wer bin ich, wenn die scheinbar perfekte Welt meiner Eltern auseinanderbricht“.