Bewegend

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miriamel Avatar

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 Wir begleiten Tristan im Jahre 1919 nach Norwich, wo er eine offensichtlich belastende Aufgabe hinter sich bringen will, denn der emotionale Druck war für mich sofort greifbar. Tristan umspielte für mich gleich von Anfang an eine eigenartige Melancholie und ich spürte, dass etwas in ihm vorgeht. Dies erzeugte bei mir eine ganz besondere Atmosphäre und ich sah im Kopf Filmszenen vor mir, die wie farblich blass gedämpft und in Zeitlupe wirkten. Nach und nach verstärkte sich dazu die fühlbare emotionale Anspannung mehr und mehr, je länger Tristan sich mit der Schwester seines toten Kameraden unterhielt und je länger er seine Beichte hinauszögerte. Denn so schlimm die Geschehnisse waren, an denen er uns Leser teilhaben ließ, so lauerte das Schlimmste, was Tristan zu berichten hatte, sehr gut dargestellt die ganze Zeit im Hintergrund. Einerseits wollte ich deshalb, dass Tristan es endlich herauslässt, aber andererseits wollte ich, dass er es doch lieber für immer für sich behält.

Das, was Tristan während seiner Soldatenausbildung und danach an der Front erlebt hatte, wird im Wechsel zu den Gesprächen mit Marian eingeschoben. Sehr gut gelöst finde ich dabei den Zeitenwechsel: ist Tristans gegenwärtiger Besuch in Norwich in der Vergangenheitsform geschrieben, so sind die Erinnerungen an den Krieg, die eigentlich in der Vergangenheit liegen, in der Gegenwartsform gehalten. Dies verstärkte für mich die Intensität und die Allgegenwärtigkeit, die diese Erinnerungen für Tristan ganz offensichtlich haben und haben auch mich als Leser viel tiefer in die Kriegsgeschehnisse hineingezogen. Verstärkt schon die Ich-Form, in der die Geschichte geschrieben ist, die Emotionalität, so ließ mich dies dann noch mehr mit Tristan mitfühlen.

 

Der Schreibstil ist eher leise, manchmal fast poetisch, aber auch mal wütend. Grundsätzlich wirkte er aber eher zurückhaltend und nüchtern beobachtend, aber gerade dies erzeugte sehr intensive Bilder bei mir. Er nimmt den Leser damit regelrecht mit hinein in die Schützengräben, in Tod und Verderben, lässt ihn die Verzweiflung, Sinnlosigkeit und Aussichtslosigkeit der Soldaten mitspüren. Ich musste das ein oder andere Mal schlucken, als ich beobachten musste, wohin ein irrsinniger Vorgesetzter die jungen Leute treiben konnte.

 

Gleichzeitig beobachtete man aber auch eine besondere freundschaftliche Annäherung zwischen Tristan und Will, die allerdings auf eine harte Probe gestellt wurde. Die Gefühle der beiden Jungen wirkten auf mich immer sehr echt und es tat mir richtig weh, sie dabei zu begleiten, wie sie mehr und mehr auf eine Katastrophe zusteuerten. Mehr will ich von den Geschehnissen nicht verraten.

 

Ich war von der Geschichte von Anfang an auf eigenartige Weise gefangen, allerdings hat mich der Epilog, wenn ich das mal so nennen kann, dann irgendwie gestört. Mit dem vorletzten Kapitel und der Eindringlichkeit der letzten Szene dort, hätte das Buch für mich enden sollen. Es war damit für mich alles gesagt und hätte so stehen bleiben können. Die Erklärungen im letzten Kapitel hätte ich nicht mehr gebraucht, im Gegenteil: sie haben mich gestört und die Intensität des Endes etwas genommen.

 

eigentlich 4,5 Sterne, aber aufgerundet auf 5