Ein ganz besonderes Wörterbuch

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strandläuferin Avatar

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 Der Name dieses Romans ist Programm. David Levithan hat keinen Roman in einer herkömmlichen Erzählweise geschrieben, sondern sein Werk wie ein Wörterbuch aufgebaut. Von A bis Z hat er Wörter zusammengetragen, zu denen er kurze Momentaufnahmen zweier New Yorker zusammenträgt, die einander über das Internet kennenlernen und sich ineinander verlieben. Der Ich-Erzähler ist der männliche Part dieser Beziehung, sein Name bleibt unbekannt, der Name seiner Freundin, der er diese Wörterbucheinträge widmet, was man zum Beispiel daran erkennt, dass er sie immer direkt anspricht, beginnt mit einem K. Mehr erfährt man über solche Daten der beiden nicht. Man erfährt aber etwas über ihre Familiengeschichten, etwas über ihr Erwachsenwerden, das Kennenlernen, die ersten Schritte der Beziehung und etwas über den Umgang der beiden miteinander, als K. ihren Freund betrügt.

Die Erzählweise ist natürlich nicht chronologisch, da das mit dem Aufbau eines Wörterbuches schwer (oder gar nicht) vereinbar wäre. Man bekommt als Leser immer nur Puzzleteile, die man zusammenstecken kann, um dann ein klareres Bild von der Beziehung der beiden zu bekommen. Dabei fand ich es gerade interessant, wie man auf diese Weise von Bruchstücken des ganz großen Glücks, überschwänglicher Freude, der Gewissheit, dass man zusammengehört, zu den Punkten kommt, an denen man sich an Kleinigkeiten aufreibt, alles in Frage stellt, nicht mehr weiter weiß und sich fragt, ob das Ganze überhaupt noch Sinn macht. Dieses Wechselspiel wirkt sehr authentisch, es gibt eben gute und schlechte Tage, und man hat nicht den Eindruck, dass der Erzähler dem Leser suggerieren möchte, vor dem Treuebruch sei immer alles rosarot gewesen.

Die meisten Momentaufnahmen der Beziehung der beiden sind zeitlich nicht festzumachen, sie wirken wie Standbilder aus dem Alltag, die zu jeder Zeit passiert sein können. Lediglich der Anfang, der Treuebruch, das Zusammenziehen und wenige andere markante Punkte sind zeitlich festzumachen, gerade das hat mir auch gut gefallen, denn ich denke, in vielen der allgemeineren Alltagsmomente findet man sich als Leser auch wieder und Dinge kommen einem bekannt vor.

Damit ist „[das] Wörterbuch der Liebenden“ zugleich ein Roman und ein bisschen auch einfach ein Buch über die Liebe, aus dem man den ein oder anderen schönen (und auch den ein oder anderen weniger schönen) Gedanken mitnehmen kann, ohne dass man das Gefühl hat, hier wollte ein Autor seinen Lesern erklären, wie Liebe ist und wie sie sein sollte. Das hat mir sehr gut gefallen.

Manche der Momentaufnahmen, und das fand ich besonders schön, kehren wieder. Man hat gerade einen Wirklichkeitsausschnitt gelesen, den Teil eines Dialogs, da taucht dieser wenige Einträge später wieder auf, setzt aber beispielsweise schon früher ein oder zeigt auf, wie es mit dem Gespräch weiterging. Dadurch hat man das Gefühl beim Lesen, dass sich der Blick auf die Beziehung der beiden Liebenden schärft, und als stilistisches Mittel finde ich das wirklich sehr gut gelungen.

Das Buch ist sehr schön aufgemacht und es liest sich sehr schnell, was daran liegt, dass jeder Wörterbucheintrag eine eigene Seite für sich hat – auch wenn er nur eine oder zwei Zeilen lang ist. Das sorgt dafür, dass man beim Lesen auch mehr innehält und das ein oder andere auf sich wirken lässt, aber viel Text ist es einfach nicht – die 212 Seiten hätte man, wenn man zumindest die Artikel zu einem Buchstaben ohne stets neue Seite begonnen hätte, sicherlich auf die Hälfte kürzen können. Aber natürlich sieht es so, wie es ist, schöner aus.

Der Übersetzer hat das Wörterbuchproblem meiner Meinung nach sehr gut gelöst, indem er sich an Levithans Aufbau gehalten hat, und die deutsche Übersetzung der Stichwörter einfach hinter das Originalstichwort geschrieben hat. Anders wäre dieser Roman sicher auch nicht zu übersetzen gewesen.

 

Für mich bleibt als Fazit, dass „[das] Wörterbuch der Liebenden“ ein ganz besonderes Buch ist, das man immer wieder lesen und in das man immer wieder hineinlesen kann. Gerade durch seine Andersartigkeit hat es mir sehr gut gefallen und ich werde in Zukunft Ausschau nach mehr von David Levithan halten.