Realitätsnah und wahr

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wölkchen Avatar

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Ist es möglich, die Liebe mit all ihren Facetten in Worte zu fassen, sie gar zu systematisieren und zu katalogisieren? David Levithan wählt diesen Weg, um sich der Liebe schriftlich zu nähern. In seinem „Wörterbuch der Liebenden“ entwirft er exemplarisch anhand alphabetisch geordneter Schlagworte das Bild einer Beziehung. Diese Idee, die zuerst reichlich nüchtern und unpassend zum Thema „Liebe“ scheint, entpuppt sich als ein tiefgründiger, schonungsloser und nur teilweise romantischer Einblick in eine Liebe, die nicht verklärt, sondern dem Alltag und der Realität nahe dargestellt wird.

 

„autonomy (Autonomie): ‚Ich möchte, dass meine Bücher ihre eigenen Regale kriegen’, sagtest du, und da wusste ich, dass es okay sein würde, zusammenzuziehen.“

 

In kurzen, meist nur wenige Zeilen umfassenden Episoden beschreibt Levithan aus Sicht des Mannes sowohl kurze Momente einer Beziehung als auch allgemeine und ständig präsente Überlegungen zu dieser Liebe. Die einzelnen Einträge nehmen nur selten Bezug aufeinander und stehen nicht in direkt erkennbarer chronologischer Abfolge. Dennoch erhält der Leser nach und nach eine Vorstellung des Paares, von ihrem Kennenlernen im Internet, über die gemeinsame Wohnung bis hin zu Differenzen und Problemen. Vieles bleibt dabei unausgesprochen, die kurzen Einblicke lassen viel Raum für eigene Gedanken und Assoziationen.

 

„abyss (Abgrund): Es gibt Zeiten, in denen ich alles anzweifle. In denen ich alles bedauere, was du mir genommen hast, alles, was ich dir gegeben habe, und all die Zeit, die ich an uns verschwendet habe.“

 

Wer dabei einen romantischen Liebesroman erwartet, wird vermutlich enttäuscht. Viele der Episoden und Gedanken sind nachdenklich und zweifelnd. Das Leben zu zweit ist keine reine Glückseligkeit, sondern ein ständiges „sich aneinander Gewöhnen müssen“, wobei die Ungewissheit, ob dieses Leben Bestand haben kann, immer im Hinterkopf bleibt. Doch gerade diese Zweifel und ungeschönten Beschreibungen machen das Buch realitätsnah und glaubhaft.

 

„ineffable (unbeschreiblich, unsagbar): Am Ende werden diese Wörter nur ein schwacher Abglanz sein, bar aller Empfindungen, die sich in Worte nicht fassen lassen. Über die Liebe zu schreiben ist letztlich so, als versuche man, das Leben selbst in ein Lexikon zu packen. Egal, wie viele Wörter es enthält, es werden nie genug sein.“

 

Nicht genug, das ist das Gefühl, das nach dem Buch bleibt. Gerne hätte ich noch mehr erfahren, wäre noch tiefer eingetaucht. Viel zu schnell waren die 200 Seiten, die zum Großteil nur zur Hälfte bedruckt sind, gelesen. Glücklicherweise ist „Das Wörterbuch der Liebenden“ ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, um einzelne, besonders schöne und treffende Einträge erneut nachzuschlagen und unzusammenhängend zu lesen. Ein Wörterbuch eben…