Der Tag, an dem Marika starb

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cabriofahrerin Avatar

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Lucia heißt eigentlich Imma, sie ist 13, und sie darf von niemandem gesehen werden. Seitdem drunten bei Neapel Enzino, der jüngste Sohn des großen Mafia-Padrone Don Raffaele, ermordet wurde, ist Imma irgendwo im Norden Italiens in der Wohnung einer um mehrere Ecken verwandten Tante eingesperrt. Tante Rosaria (40) arbeitet über Tag bei einem Notar. Imma räumt auf, kocht oder steht am Fenster hinter den Gardinen aus falscher Spitze, denkt viel nach, beobachtet die Straße, die Häuser und die Menschen - hauptsächlich Migranten aus Afrika. Nur in der "steinernen Stunde" lässt sie alles für wenige Minuten zum Stillstand erstarren, stellt sich vor, was passieren könnte.

Lucia, die eigentlich Imma heißt, darf die Wohnung niemals verlassen. Beim Saubermachen findet sie, zwischen Rosarias Bettzeug versteckt, die Wohnungsschlüssel. Am Wochenende, wenn Rosaria ihren Geliebten Alfonso trifft, nutzt Imma ihre Chance, um endlich frei zu sein. Sie streunt durch die Straßen der unbekannten Stadt. Auf dem Markt hält sie an einem Buchstand inne. Der junge Mann mit den grünen Augen fragt, ob sie etwas Bestimmtes suche. "Von einem eingesperrten Mädchen." Und er gibt ihr das "Tagebuch der Anne Frank" mit.

Imma kommt nun öfter zum Buchstand von Paolo, dem "Grünauge". Spontan hat sie sich ihm als Lucia vorgestellt, die sich um ihre kranke Oma kümmern müsse. Nach "Anne Frank" erwirbt sie nun "Io non ho paura", Niccolò Ammanitis Erzählung von Michele und dem Wesen in der Grube. Imma hat ein Faible für Geschichten mit Gefangenen. Aber nicht nur die Bücher locken sie. Sie unterhält sich auch gern mit dem Studenten. Bald ziehen sie die Schmetterlinge im Bauch regelmäßig zu Paolos Stand. In ihrem Unglück entdeckt sie etwas Schönes, das sie nie mehr missen möchte.

Die Wahrheit aber kann sie ihm nicht erzählen. Warum nutzt Imma ihre Wochenend-Freiheiten nicht zur Flucht? Warum erschrickt sie, als sie sich unerwartet vor einer Polizeiwache wiederfindet?

Diese frühreife Ich-Erzählerin Imma ist ein liebenswertes, sensibles und intelligentes Mädchen mit einer schweren Vergangenheit. Ihr kleines Heimatdorf in der Nähe von Neapel wird von der Camorra beherrscht. Don Raffaele macht mit seinen Söhnen und Handlangern Geschäfte - es geht um Drogen, Prostitution, Schutzgelder, Brandstiftung und Mord. Die Menschen akzeptieren die Verhältnisse, die sie nicht ändern können, und der Padrone vergibt ja auch Arbeit. Schutzgeld ist eine Art Steuer - mit dem Unterschied, dass die Leute dafür mehr zurückerhalten als vom Staat - so glauben sie, und so erleben sie es: Zuschüsse für Feste, ein Kindergarten ...

Damals im Süden hat die junge Rosaria den Sohn einer Marchesa geheiratet - Ubaldo, feige und verwöhnt. Mit ihm und seiner hochmütigen Schwester Matilde wohnte sie in der Familienvilla. Doch Matilde drangsalierte Rosaria, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, bis sie sich in einer demütigenden Situation endlich heftig zur Wehr setzte.

Imma hat ihre Mutter Milena, die in einer Gärtnerei arbeitete, schon frühzeitig durch einen Autounfall verloren. Den Crash hat sie hautnah miterlebt und danach für lange Zeit ihr Sprachvermögen eingebüßt. Deshalb wurde sie in der Schule geärgert ("stumm, dumm ...") und unterschätzt. Doch wie so oft in Italien - dem realen wie dem in Romanen - hält die Familie fest zusammen: Großeltern, Onkel, Tante und Cousine lieben Imma innigst und stehen ihr bei. Nur Vater Nicola hat andere Interessen. Der Gigolo, der auf Blondinen steht, hatte Milena als 17-jährige geschwängert, nach kurzer Ehe wieder verlassen und sich dann nach München verzogen.

Die eigentliche, traurige Geschichte, die Imma uns in diesem Roman mitteilt, nimmt ihren Anfang an jenem Tag, als Marika starb, ein Mädchen genauso jung und hübsch wie Imma. Abwechselnd lässt die Autorin Imma, aber auch Tante Rosaria Raum für ihre ganz individuellen Erzählungen. Erst am Schluss fügen sich alle Berichtteile zusammen zu einem stimmigen Gesamtbild - bis dahin bleibt vieles auf spannende Weise verwirrend und rätselhaft.

Margherita Oggeros Roman "Der Duft von Erde und Zitronen" ([L'ora di pietra](http://www.amazon.de/gp/product/8804608676/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&tag=buecherrezensionen-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=6742&creativeASIN=8804608676 "Mit einem Einkauf über diesen Link unterstützen Sie mein Angebot - danke!"), übersetzt von Peter Klöss) besticht durch seine ruhige, sehr einfühlsame, warmherzige, leicht melancholische Figurenzeichnung. Es ist beeindruckend, wie Imma trotz ihrer eigenen aussichtslosen Situation ein Gespür für das harte Leben Rosarias hat. Die macht keinen Hehl daraus, dass ihr der Gast, der da bei ihr zwangseinquartiert wurde, unwillkommen ist, hat sie doch mit sich und ihren Beziehungskonflikten schon genug am Hals. Spröde, stets unzufrieden, regt sie sich über alles auf. Doch Imma erobert mit ihrem unaufdringlichen, hilfsbereiten, offenen Wesen Rosarias Herz. Beide werden sich auf ihre Weise behaupten, zu eigener Stärke finden.

Und während Milenas Gesicht in den Nebeln des Vergessens verschwimmt, wird Imma ihren Duft immer wahrnehmen: nach Erde und Zitronen.

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