Drei Leben

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ente21 Avatar

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Endlich ein neuer Roman von Alex Capus! Zugegebenermaßen bin ich nach "Léon und Louise", "Eine Frage der Zeit" und "Fast ein bisschen Frühling" nicht ganz vorurteilsfrei an diese Leseprobe herangegangen. Und sie hat mich nicht enttäuscht--im Gegenteil. Doch erst einmal zum Inhalt:

1924 könnten sich am Züricher Hauptbahnhof die drei Menschen begegnet sein, von denen dieser Roman handelt. Bis auf diese Begegnung, die es vielleicht nie gegeben hat, verbindet die drei nichts außer der Tatsache, das ihre Leben ungeahnte Wendungen nehmen werden:
Laura d'Oriano will Sängerin werden und endet als Spionin der Alliierten in Italien. Noch ist sie ein 13-jähriges Mädchen, das die ganze Reise mit dem Orientexpress über an der offenen Tür sitzt, die Welt an sich vorüberziehen lässt und singt. In Zürich winkt sie einem jungen Mann.
Das ist Felix Bloch, 19 Jahre alt. Sein Vater will, dass er Maschinenbau studiert. Er selbst hat zwar die nötige Begabung, ist aber unter dem Eindruck des ersten Weltkrieges und des banalen Todes seiner Schwester durch Blutvergiftung voller Misstrauen gegenüber dem technischen Fortschritt und hält sich lieber in der abstrakten Welt der Musik oder der Mathematik auf.
Von Emile Gilliéron wird Felix im Vorbeifahren für einen Selbstmörder gehalten und verachtet. Emile hat gerade die Asche seines Vaters aus Griechenland abgeholt. Als ein aufsässiger junger Mann wurde er aus dem Heimatdorf mehr oder weniger vertrieben und nach Basel auf die Kunstschule geschickt. Wenngleich sehr talentiert machte er auch dort Ärger durch seinen herablassenden Umgang mit großen Künstlern und seinen Mitmenschen. Kurzerhand wurde er mit Schliemann auf Ausgrabungen geschickt, um dort für ihn zu zeichnen.

Bis hierhin überzeugt an der Leseprobe das gleiche, wie an den vorangegangen Romanen von Capus: Gründliche historische Recherche und Detailtreue werden verbunden mit einer sanften Sprache und feinsinnigen Einblicken in das Seelenleben der Protagonisten. Der Roman ist genau, ohne zu langweilen, und er ist poetisch und lakonisch, ohne kitschig und sentimental zu sein. Das ist eine große Kunst und macht das Lesen zu einem großen Vergnügen. Gerne möchte ich den Menschen weiter durch ihr Leben folgen, wenn dieses so überraschende Wendungen bereit hält und auf so wunderbar leichte Weise beschrieben wird.