Wie das Leben so spielt

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1924 könnten sich am Züricher Hauptbahnhof die drei Menschen begegnet sein, von denen Alex Capus in seinem neusten Roman schreibt: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Gemeinsam haben sie außer dieser unwahrscheinlichen Begegnung wenig--allenfalls, dass ihre Leben einen Lauf nahmen, den sie sich so nie vorgestellt hätten.
Der Fälscher, Emile Gilliéron, ist ein begabter Zeichner. Capus erzählt vor allem die Geschichte seines Vaters, eines rebellischen, ein wenig eingebildeten Dorfburschens, der es an die Basler Kunstschule und von dort aus zum Assistenten Heinrich Schliemanns brachte. Vater und Sohn haben im Umgang mit ihrer Begabung und der Kunst allgemein etwas Spöttisch-Herablassendes, was vielleicht erklärt, warum sie skrupellos zu den größten Kunstfälschern der Geschichte werden--der Sohn schafft es, das Bild der Menschen von einem ganzen Zeitalter nach seiner Fantasie zu formen.
Die Spionin, Laura d'Oriano, ist Sängerin. Oder will zumindest eine werden, da sie sich für weitaus begabter als ihre Mutter hält und dem "großen, weiten Gefühl" in ihrer Brust Ausdruck verleihen will. Bis sie irgendwann feststellt, dass es sich bei diesem Gefühl lediglich um "das Betriebsgeräusch der Seele" handelt, wie es jeder ab und zu verspürt. Von da an schlägt sie sich mehr schlecht als recht mit ihrem Gesang durch, heiratet und endet irgendwann als Spionin der Alliierten, obwohl sie eher simpler Natur und völlig unpolitisch zu sein scheint.
Der Bombenbauer, Felix Bloch, ist Pazifist. Als junger Mann ist er vom Schrecken des Ersten Weltkrieges --obwohl er selbst nicht mitkämpfte-- und dem Tod seiner Schwester geprägt. Felix ist daher fest entschlossen, sein Leben dem Schönen, aber ganz und gar Nutzlosem zu widmen und wechselt vom Maschinenbau zur Atomphysik. Dort wird er schnell einer der bedeutendsten Forscher seiner Zeit und ist schließlich maßgeblich an der Entwicklung der Atombombe beteiligt.

Alex Capus hat über das Leben jedes Protagonisten genau recherchiert und kann somit detailliert von jedem Protagonisten erzählen. Dabei gelingt ihm aber das Kunststück, diese Rechercheleistung nicht protzig den eigentlichen Roman verdecken zu lassen. Die Geschichte, oder vielmehr die Geschichten, sind nämlich keineswegs wie trockene Lebensläufe, sondern sehr leicht und poetisch geschrieben, sodass die Details eher eine schmückende als eine ernüchternde Wirkung haben. Auch gelingt es dem Autor, die unterschiedlichen Erzählstränge gut beieinanderzuhalten--bewundernswert, wenn man bedenkt, dass die Personen eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Die Wechsel sind an den richtigen Stellen und nicht abrupt. Auch die "Wechsel" in den einzelnen Leben, das heißt, die an sich absurden Entwicklungen werden so fließend und nachvollziehbar geschildert, dass der Roman dadurch nichts Reißerisches bekommt, sondern im Gegenteil eine gewisse Ruhe: Besonders viel "Action" ist in dem Buch nicht zu finden, noch nicht einmal große Gewissenskonflikte, sondern eher eine sachliche Beschreibung der Lebensläufe in einer poetischen Sprache. Oder so. Ich kann schwer ausdrücken, was diesen Roman so besonders macht--es ist in etwa das, was auch Capus' andere Bücher auszeichnet--deswegen am besten einfach lesen!