Lohnt das Lesen nicht!

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zoppotrump Avatar

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Das ist in meinem Leser-Leben nun wirklich - erst - das dritte Buch, das ich abgebrochen habe. Gar kein schlechtes Ergebnis bei der Fülle der wirklich guten Bücher, die ich bisher schon erlesen durfte.
Normalerweise weiss ich auch wirklich fast jedem Buch, jeder Geschichte etwas ab zu gewinnen. Aber, nachdem ich mich bei diesem Buch nun bis zur Mitte durchgequält habe und immer noch nicht weiss, was mir der Autor eigentlich sagen will und auch befürchte, dass ich es nie herausfinden werde, nachdem ich die letzten zwanzig Seiten mal kurz quergelesen habe, landet das Buch nun wirklich in der Ecke.

Begründen möchte ich das allerdings:

Im Klappentext heißt es:

"Beim Durchwühlen der Gefriertruhe stößt der gelangweilte Teenager Bernie Karp zwischen Tiefkühlpizzas und Koteletts zufällig auf einen Eisblock, in dem ein bärtiger alter Mann eingefroren ist. Ein Rabbi, wie seine ebenso gelangweilten Eltern ihm erklären, der innerhalb der Familie als eine Art Talisman über Generationen weitergereicht wurde.

Bei einem Stromausfall geschieht das Unglaubliche: Der Rabbi taut auf und erwacht zu neuem Leben. Der aus der Zeit gefallene heilige Mann entwickelt ungeahnte Energien und entdeckt lukrative Entfaltungsmöglichkeiten in der modernen Welt. Während der Rabbi in einem Einkaufszentrum das „Haus der Erleuchtung” gründet und gestressten Managern und frustrierten Hausfrauen das Seelenheil verkauft, glaubt Bernie, endlich einen Sinn in seinem Leben gefunden zu haben. Er findet nach und nach heraus, wie der gefrorene Geistliche von einem polnischen Schtetl des neunzehnten Jahrhunderts in eine Gefriertruhe im Memphis der Gegenwart geraten ist, und will das Familienerbe bewahren. Doch der Rabbi macht nichts als Ärger..."

Der Verlag preist das Buch wie folgt an:

"Eine scharfsinnige Gesellschaftssatire, eine skurrile Zeitreise und ein spannender Familienroman."
"Der vielfach preisgekrönte Autor gilt als legitimer Nachfolger von Isaac Bashevis Singer."

Aha.

Nun, dann ist das vorliegende Buch für mich das beste Beispiel dafür, dass Gesellschaftssatire - wenn sie zu dick aufgetragen ist - mich zumindest entsetzlich langweilt! Auch Spannung konnte ich nicht wirklich empfinden bei dem Roman.

Was genau passiert nämlich?

Der Rabbi friert während einer tiefen Meditation, in der seine Seele seinen Körper verlässt - in einem völlig überfluteten See ein. D.h., der Körper geht zunächst komplett im Wasser unter ... und erst als ein strenger Winter folgt (dazwischen liegen schon ein paar Tage!), friert er komplett ein. In dieser Zeit müsste die natürliche Verwesung eigentlich schon lange vonstatten gegangen sein. Nun ja, kann man noch mit etwas gutem Willen als künstlerische Freiheit wegstecken.
Man sucht den Rabbi, findet ihn, kloppt ihn als Eisblock aus dem gefrorenen See und konserviert ihn in einer Eishöhle, wo er von Salo, einem - bis dato recht dümmlichen Jungen - bewacht wird. Als er wegen des kurz darauf folgenden Progroms in Polen, wo er alles verliert, seinen Heimatort verlassen muss, nimmt er den gefrorenen Rabbi mit. Warum, weiß er selbst nicht so genau, außer, dass ihm der Eisblock irgendwie Ruhe verschafft. Mag darin begründet sein, dass der eingefrorene Mensch sehr gelassen aussieht, mit im Nacken verschränkten Armen und lässig überkreuzten Beinen.

Und so geht es eben dann auch irgendwie weiter in der Geschichte. Salo heiratet, bekommt zwei Söhne und eine Tochter, lebt mit ihnen mehr schlecht als recht im Ghetto und seine Energie erwacht im Grunde erst, als seine Tochter Jochebed geschändet wird. Er tötet den Zuhälter und bezahlt dies aber mit seinem eigenen Leben. Als die Mutter an gebrochenem Herzen kurz darauf auch stirbt - die Brüder sind schon lange nach Israel zurückgekehrt - flieht Jochebed als Mann verkleidet nach Amerika. Natürlich wieder mit dem zu Eis gefrorenem Rabbi.

Diese Geschichte, wie der Eisblock von jüdischer Familie zu Familie weitergereicht wird, hat mit Sicherheit etwas metaphorisches und kann als Bürde o.ä. interpretiert werden, wenn man denn will. Irgendwo im Buch wird auch von den Juden selbst gesagt, dass sie im Grunde immer nur in einer nicht enden wollenden langen Menschenkarawane fliehen oder geflohen sind, von Osten in den Westen und eigentlich nichts mitgenommen haben als ihre eigene Bürde und viel Balast.
Aber, wie schon gesagt, mir ist das eine Spur zu dick aufgetragen und ich finde nicht, dass der Autor damit seinem eigenen Volk gerecht wird oder sie ins rechte Licht rückt, denn gleichzeitig beschreibt er die Leidenden auch immer als doch recht kommerziell orientiert und einem guten Geschäft nie abgeneigt.

Ist mir ehrlich gesagt, zuviel Klischee!

Unterbrochen wird der - mit viel gutem Willen gerade eben noch interessante - Bericht, wovon ich mir allerdings wesentlich mehr wirkliche Infos über die Religion und Geschichte der Juden versprochen hätte, wie der Rabbi ja von Familie zu Familie weitergereicht wurde, von Episoden aus der Gegenwart. Denn der Rabbi taut ja durch einen Stromausfall auf, klettert aus der Gefriertruhe und wird mit der Gesellschaft der Amerikaner der Gegenwart konfrontiert.
Mit DER Gesellschaft allerdings, die das Fernsehen als vorhersschend verkauft, denn seine Informationen bezieht der Aufgetaute zu 99,99% aus eben diesem Medium.

Laut Autor kommt er dann auf die "geniale" Idee, quasi Eulen nach Athen zu tragen und gutgläubigen Menschen mit einem "Haus der Erleuchtung" die Dollars aus der Tasche zu ziehen. Als ob die Amerikaner es wirklich nötig hätten, den falschen Heiligen, mit denen sie es eh schon zu tun haben, auch noch einen jüdischer Herkunft hinzu zu fügen...An was übt man denn da als Autor denn auch bitteschön Gesellschaftskritik? Dass es gewieften, abgebrühten Heilsversprechern jeder Couleur und "Religion" gelingt, gutgläubige Menschen abzuzocken, wissen wir schon...und auch, dass gewiss da auch manche jüdische Vertreter darunter sind, ist auch nichts Neues.

Was die Figur des fetten, pubertären, gelangweilten Bernie Karp - der den Rabbi in der Kühltruhe fand - und der sich laienhaft und naiv bemüht, das Judentum und alles, was damit zusammen hängt, zu verstehen und sich dabei verändert, darstellen soll und dessen Seelenreisen, kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen.
Wenn Bernie auf Seelenwanderung geht, wird er nämlich von seinen Mitmenschen auch nur gepiesackt und als Opfer missbraucht, was sich nicht wehren kann.

Fazit: Tut mir Leid, Herr Stern...das ist mir zuviel Schmonses, zuviel Zynismus statt Satire, insgesamt zu dick aufgetragene Klischees und somit für mich wirklich langweilig.

Noch eine kurze Bemerkung zum Leseexemplar:

Wie hier schon mehrfach erwähnt, sind im Buch recht viele nicht erläuterte Begriffe und Wörter aus dem Jiddischen...mit dem lapidaren Hinweis des Verlages: Ein Glossar sei dann im richtigen Buch auf den letzten Seiten zu finden.
Ich vermute mal, dass die meisten Menschen hier, die ihre Buchmeinungen abgeben, Laien sind und nur wenige vom "Fach". Diese Menschen lesen die Bücher in ihrer Freizeit und versuchen, jedes Buch so gut wie möglich zu bewerten und zu beurteilen. Als "Bezahlung" oder als "Belohnung" bekommen diese Menschen lediglich das Buch selbst...und manche Verlage wissen offenbar diesen Einsatz von engagierten Laien auch zu würdigen.
Der Randomhouse-Verlag hält das offenbar nicht für nötig.

Schade!