Ein bildgewaltiges Meisterwerk!

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Alvin von Briest, jüngster Sohn eines preußischen Junkers, der nach dem Tod seines Vaters leer ausgeht, während sein Bruder das gesamte Gut erbt, entscheidet sich auf Rat seines Freundes Otto von Bismarck für eine Militärlaufbahn.
Der Münchner Paul Baermann hingegen strebt eine Karriere als Eisenbahningenieur an, doch bevor er überhaupt seine Ausbildung bei dem britischen Ingenieur Robert Stephenson beginnen kann, platzt sein Traum. Aufgrund von Leichtsinn und Ungeschicklichkeit beschädigt er in Nürnberg die „Adler“, Deutschlands erste Dampflokomotive, und verliert dabei nicht nur das Geld für seine Ausbildung sondern auch den Anteil, den seine Eltern als Mitgift für dessen ältere Schwester Lily vorgesehen hatten. Dennoch hat Paul keine allzu großen Konsequenzen zu tragen, da er stets von seinen Eltern bevorzugt wurde, nur Lily entwickelt einen unbarmherzigen, dauerhaften Hass auf ihren Bruder, der sie um ihre Zukunft brachte.
Entgegen ihrer eigentlichen Pläne verschlägt es Alvin und Paul nach Paris, wo sie sich kennen lernen und eine tiefe Freundschaft zueinander entwickeln. Dort begegnen die beiden jungen Männer Louise Ferrand, die mit ihrer verwitweten Mutter in einem Armenviertel von Paris um das tägliche Überleben kämpft. Beide Männer verlieben sich in die wunderschöne, junge Frau und auch sie liebt Alvin und Paul gleichermaßen. Obwohl Louise schließlich Alvin heiratet, bleibt sie Paul weiterhin zugetan. Über drei Jahrzehnte hinweg begleiten wir Alvin, Paul und Louise auf ihren sich immer wieder kreuzenden Lebenswegen und ebenso nimmt Otto von Bismarck nicht nur wesentlichen Einfluss auf die politische Geschichte Deutschlands, sondern auch auf den privaten Werdegang der drei Hauptfiguren...

Mit „Der Jahrhundertsturm“ hat Richard Dübell ein absolutes Meisterwerk über die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert, insbesondere über Preußen und Otto von Bismarck, geschaffen. Der über 1050 Seiten schwere Schmöker verlangt dem Leser einerseits viel Konzentration ab, sorgt andererseits aber durch die überaus sympathischen und authentischen Hauptfiguren für extrem gute Unterhaltung.

Zeitlich ist die Geschichte zwischen den Jahren 1840 und 1871 angesiedelt. Anhand von zwei Haupthandlungssträngen, die sich zum einen mit Alvin von Briest und zum anderen mit Paul Baermann beschäftigen, zeigt der Autor seinen Lesern ein imposantes Panoramabild des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Zeit des Umbruchs in Europa, die von politischen und technischen Entwicklungen stark geprägt ist. Dabei erleben wir die historischen Hintergründe der Geschichte aus der Sicht von gesellschaftlich ganz unterschiedlich gestellten Personen.

Alvin von Briest, der aus einer traditionsbewussten preußischen Junkers-Familie stammt, repräsentiert die militärische Ebene und muss sich in verschiedenen Kämpfen auf dem Schlachtfeld oder als Vermittler zwischen den Gegnern beweisen. Für den aus dem Münchner Bürgertum stammenden und technikbegeisterten Paul Baermann hingegen ist der Krieg ein Gräuel, doch kann er nicht verhindern, dass auch das Militär sich die Vorteile der Eisenbahn zum schnellen Truppentransport und die Telegraphie in Kommunikationsfällen zu eigen macht. Auf der politischen Ebene agiert hauptsächlich Otto von Bismarck, der zwar meist als Alvins Freund in einer Nebenrolle fungiert, als historische Persönlichkeit allerdings maßgeblich die Hintergründe der Geschichte prägt. Besonders gelungen ist seine widersprüchliche Charakterisierung, die ihn teilweise als sympathischen Denker und Visionär, teilweise als recht strengen und herrischen Einzelgänger darstellt, was ihn auf jeden Fall zu der interessantesten und lebendigsten Figur des Romans macht.

Die aus Frankreich stammende Louise hat einen tiefen gesellschaftlichen Abstieg hinter sich und ist sozusagen das Verbindungsglied zwischen den Haupthandlungssträngen um Paul und Alvin. Obwohl sie mit Alvin verheiratet ist, führt sie auch mit Paul eine Liebesbeziehung. Die Männer akzeptieren diese Dreiecksbeziehung widerspruchslos, was in meinen Augen allerdings – besonders für die damaligen Verhältnisse – eher unrealistisch erscheint. Trotzdem sind die drei Charaktere unglaublich sympathisch und man kann sich gut in ihre jeweiligen Situationen hineinversetzen und die Emotionen nachvollziehen. Eine weitere größere Rolle wird abschnittsweise Lily Baermann zuteil, die einen extremen gesellschaftlichen Wandel erlebt und mit ihren Intrigen und Mordplänen gegenüber den Menschen, die ihr einmal nahestanden, für viel Spannung sorgt.

Obwohl die Liebesgeschichte zwischen den drei Protagonisten oft im Vordergrund steht, kommen auch persönliche Schicksale und geschichtliche Hintergründe und Ereignisse nicht zu kurz. So schildert Richard Dübell z. B. den Barrikadenaufstand während der Märzrevolution in Berlin 1848, die Schlacht bei Königgrätz, den Deutsch-Französischen Krieg oder das Eisenbahnunglück bei Gütersloh 1851 auf äußerst detaillierte und bewegende Weise. Die Kombination aus fiktiver Romanhandlung, geschichtlichen Tatsachen sowie die Darstellung von technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen während der Bismarckzeit ist dem Autor perfekt gelungen. In seinem Nachwort führt Dübell einige geschichtliche Fakten etwas weiter aus und gibt manch interessantes Detail, z. B. dass er einige überlieferte Aussagen von Bismarck wortwörtlich in seine Geschichte übernommen hat, preis.

„Der Jahrhundertsturm“ ist ein sehr gut recherchierter und durchdachter Roman, basierend auf den Ereignissen von der Märzrevolution 1848 bis hin zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 durch Otto von Bismarck, und in jeglicher Hinsicht für Interessierte an Deutscher Geschichte empfehlenswert!