Ali Shaw - Der Mann, der den Regen träumt

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„Wie Kreide, vom Regen zu einem weißen Schleier verwaschen, begannen seine Umrisse zu verschwimmen und seine Konturen schwanden, beinahe unmerklich. Im einen Moment sah Elsa einen Mann vor sich und im nächsten nur noch eine graue Silhouette. Seine Haut wurde zu Nebel. Die Sonne hinter ihm ließ ihn erstrahlen und umrahmte ihn mit ihrem goldenen Schein, bis er nichts mehr von einem Mann an sich hatte, sondern immer mehr einer Wolke glich, die durch Zufall die Form eines Menschen angenommen hatte."


Klappentext:

Finn ist kein gewöhnlicher Mann, ihn umgibt ein Geheimnis. Es ist der Grund für sein Einsiedlerleben und der Grund, warum die Einwohner von Thunderstown ihm nicht wohlgesinnt sind. Doch trotz aller Gerüchte und Anfeindungen hält Elsa zu Finn. Gemeinsam versuchen sie, ihre Liebe gegen all die Widerstände zu behaupten.


Meine Meinung:

Wie schon Ali Shaws Debütroman "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" besitzt auch sein Nachfolger wieder eine wunderbar schöne und zugleich traurige Atmosphäre. Mit Protagonistin Elsa konnte ich von der ersten Seite an mitfühlen: Nach dem Tod ihres Vaters flüchtet sie vor ihrem hektischen Leben von New York in das kleine Dörfchen Thunderstown, um wieder zu sich selbst zu finden. Die Dorfbewohner sind hier jedoch sehr speziell und Neuankömmlingen gegenüber nicht gerade aufgeschlossen - was Elsas Einsamkeit zusätzlich unterstreicht.
Auch der fremdartige Finn hat deswegen Probleme, sich im Dorf zu behaupten und lebt völlig abseits in einer Hütte in den Bergen. Seine Gestalt hat mich sofort fasziniert und - auch wenn der Buchtitel natürlich schon sein Geheimnis preisgibt - wollte ich wissen, wie er zu dem Wesen geworden ist, das alle in ihm sehen, und ob er je ein normales Leben führen kann.
Die plötzliche Liebe habe ich den beiden allerdings nicht ganz abgenommen. Ich hätte Elsa und Finn ein bisschen mehr Zeit gewünscht, wirklich tiefe Gefühle füreinander entwickeln zu können. Beide Charaktere kamen mir nicht so vor, als wären sie wirklich dazu bereit, sich so schnell auf jemand Fremden einzulassen - die Liebe auf den ersten Blick empfand ich als sehr überstürzt und konnte ihre Gefühle nicht wirklich nachvollziehen.

Die vielen magischen Momente, die das gesamte Buch durchziehen, haben mich in ihren Bann gezogen. Immer wieder gibt es Referenzen auf besondere Tiere, die das Wetter "machen" bzw. ganz aus Wetter bestehen. Die vielen Sagen und Legenden, die um das Wetter kreisen, machen einen zusätzlichen Reiz der Geschichte aus und fügten sich perfekt in die sowieso schon märchenhafte Stimmung ein. Überhaupt glänzt Ali Shaw wieder durch seine Sprache und lässt vorm inneren Auge des Lesers wahrhaft phantastische Bilder aufleuchten. Ich habe mich sehr gerne von ihm in diese fremde Welt entführen lassen!

Sehr schade fand ich, dass am Ende des Buches so viele Rätsel ungelöst blieben. Gerade die Hintergrundgeschichten rund um Elsas Vater und Finns Mutter wurden immer wieder angerissen, ohne dass sie zu einem richtigen Ende gebracht wurden. Meiner Meinung nach wurden hier wichtige Aspekte aus der Vergangenheit der Protagonisten, in denen noch viel Potential gesteckt hätte, einfach so im Raum stehen gelassen.

Wer eine actionreiche Geschichte sucht, ist hier definitiv fehl am Platz. Allen Lesern, die gern von magischen Orten träumen, vor einer melancholischen Geschichte nicht zurückschrecken und von einer ruhigen und poetischen Sprache fesseln lassen, dürfen gern zugreifen. Ich jedenfalls bin - trotz einiger Kritikpunkte - spätestens mit diesem Roman ein Fan von Ali Shaw und warte schon verzückt auf sein nächstes Buch!


Mein Fazit:

Mit "Der Mann, der den Regen träumt" beweist Ali Shaw wieder eindrucksvoll, wie man seine Leser mit der Kraft der Sprache verzaubern kann. Poetische und magische Momente machen das Buch so einzigartig und lassen viele Szenen unvergesslich werden. Die Charaktere dagegen hätte ich mir etwas runder gewünscht, auch ein paar Auflösungen gegen Ende hätte ich mir gewünscht, doch insgesamt kann ich das Buch jedem empfehlen, der schon das "Mädchen mit den gläsernen Füßen" geliebt hat.