Kann auch Ali Shaws zweites Werk überzeugen?

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trixxi Avatar

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Das Licht erhob sich mit einem Zischen wie von einer Wunderkerze aus dem Laub. Dann schoss es so dicht an Elsas Ohr vorbei, dass sie einen heißen Luftzug spürte, und die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Das Leuchten wurde im Flug etwas schwächer, bis Elsa schließlich klar und deutlich Flügel, einen Schnabel uns Schwanzfedern erkennen konnte, mit denen der Vogel seinen Flug steuerte.
"Was…ist da gerade passiert?"
"Ein Sonnenstrahl", erwiderte Finn,"ist zum Leben erwacht."

Von Ali Shaws Debüt „ Das Mädchen mit den gläsernen Füßen“ war ich restlos begeistert und kann es nach wie vor jedem nur ans Herz legen. Dementsprechend gespannt war ich also natürlich auf sein zweites Werk. Diesmal verschlägt es den Leser zusammen mit der neunundzwanzigjährigen Ella in das kleine, einsame von Bergen umgebene Städtchen Thunderstown. Auf einer Wanderung in den Bergen beobachtet Ella einen jungen Mann namens Finn dabei, wie er sich buschstäblich vor ihren Augen in Nebel auflöst. Zuerst ist da nur Unglaube, aber dann lernt sie Finn besser kennen und verliebt sich Hals über Kopf in den jungen, zurückgezogenen lebenden Mann, der anscheinend das Wetter selbst verkörpert.

Aber anders als Ella fürchten die Bewohner Thunderstowns die merkwürdigen Phänomene des Wetters in ihrer Stadt. Für ihre Sicherheit sorgt Daniel Fossiter der Bergziegenjäger. Aber mit dem Erscheinen Ellas wird dieser an seine schmerzliche Vergangenheit erinnert und beginnt nach und nach bestimmte Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Doch reicht das, damit er Finn und Ella vor den aufgebrachten Bewohnern beschützen kann? Oder sitzt sein eigenes Misstrauen noch zu tief?

Wie man vielleicht schon an meiner Inhaltsangabe merkt, gibt es in dem Roman diesmal nicht die zwei (Haupt)Erzählstränge der Verliebten, sondern nur den von Ella und einem Einwohner Thunderstown. Beide haben ihr Päckchen zu tragen und sind doch absolut unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich gegenseitig eher mit Abneigung begegnen. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist Finn.
In diesem Roman hat der Autor wieder ganz verschiedene und gleichzeitig immer sehr authentische Charaktere geschaffen. Sie alle bestechen durch ihre Komplexität und Echtheit. Das ist wieder ein ganz großer Pluspunkt. Auch machen die zwei bzw. drei Hauptfiguren im Laufe des Romans eine Wandlung durch und entwickeln sich weiter.

Und nicht nur das hat mich wieder sehr beeindruckt, sondern auch der einfach wunderschöne und besondere Schreibstil. Da kann man sich so gut wie jeden Satz auf der Zunge zergehen lassen. Die Vermischung von Fiktion und Realität ist ebenfalls wieder sehr gelungen, zu Mal ich Wetter ohnehin für ein sehr spannendes und faszinierendes Thema halte.

Trotzdem kann ich dieses Mal nicht volle fünf Sterne geben. Dafür hat mir irgendwie insgesamt noch etwas gefehlt, zumal Shaw die Messlatte durch sein Erslingswerk eh unglaublich hoch angesetzt hat. Vor allem eine ein wenig glaubwürdigere und intensivere Liebesgeschichte habe ich vermisst. Man hat nur über andere etwas über Finn erfahren und so ist er bis zum Schluss recht blass. Ich fand es also wirklich schade, dass er keinen eigenen Erzählstrang hatte.Zudem geht das verlieben auf beiden Seiten unglaublich schnell, für meinen Geschmack ein wenig zu sehr.
So kann für mich diese Liebesgeschichte nicht mit der von Ida und Midas mithalten, die mich damals so tief berührt hat.
Das ist im Prinzip mein Hauptkritikpunkt, da hatte ich mir mehr erhofft.

Deshalb nur sehr gute vier Sterne und trotzdem auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Roman von diesem so talentierten Autor und bin gespannt, was wir nach einem Mädchen aus Glas und einem Mann der den Regen in sich trägt, erwarten dürfen! Dann hoffentlich wieder mit einer zu 100% überzeugenden Liebesgeschichte!