Traumhaft schön geschrieben

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Darum geht es:
Nach dem Tod ihres Vaters sehnt sich Elsa weg von New York. Die Hektik, Wolkenkratzer, und das schnelle Leben möchte sie eintauschen gegen Ruhe und einen Platz, an dem sie sich selbst finden kann. Es verschlägt sie nach Thunderstown, einem idyllisch zwischen Bergen liegendem Flecken Erde. Dass dort das Wetter einen großen Einfluss auf die Landschaft und die Menschen hat, stellt sie schon nach wenigen Tagen fest. Und dann trifft sie in den Bergen auf einen Mann, der regnen kann.

Meine Meinung
Der englische Titel des Buches mit den zarten Regentröpfchen lautet „The Man who rained“. Für meinen Geschmack wäre die wörtliche Übersetzung dieses Titels viel passender, denn der Mann um den es geht, trägt einen Gewittersturm in sich und träumt nicht nur vom Regen. Ganz im Gegenteil. Doch trotz dieses kleineren Mankos war ich von diesem Buch fasziniert.
Auch wenn die Gestaltung des Buches anderes vermuten lassen könnte: Die bisher erschienen Romane Shaws sind in sich selbst geschlossene Geschichten und können unabhängig voneinander gelesen werden. In „Der Mann, der den Regen träumt“ steht Elsa im Vordergrund des Geschehens, die es nach einigen Schicksalsschlägen und Vorkommnissen weg aus dem Trubel der Großstadt New York in ruhigere Gewässer verschlägt. Ihr Weg führt sie nach Thunderstown – einem zwischen einer Bergkette eingenisteten kleinen Dörfchen, das vom Wetter gezeichnet ist. Elsa, die in einer ländlichen Gegend der USA groß geworden ist, zeigt sich berührt von diesem Ort, denn er verbindet sehr viel mehr mit ihr als sie es sich vorstellte. Als sie schließlich bei einer Wanderung auf den jungen Mann trifft, der sich vor ihren Augen in eine Regenwolke verwandelt, gerät ihr Leben komplett aus den Fugen.
Die Idee, das Wetter in Lebewesen einzufangen, ist äußerst romantisch. Sonnenstrahlen, der Wind, der Regen – für jede vorstellbare Form des Wetters finden sich in den Gebirgen Thundertowns Lebewesen, die sie in sich tragen. Ali Shaw verpackte diese Idee in sehr schöne Worte, die sich schnell und leicht lesen ließen, die Vorstellungskraft anregten und das Wetter aus dem Buch in mein Herz zauberten. Es war ein Genuss, die wärmende Sonne zu spüren, die kalten Regentropfen auf der Haut und den Wind im Haar. Die Romanfigur der Elsa erinnerte mich in wenigen Zügen an Ida, das gläserne Mädchen. Doch zum Glück gestalteten sich die anderen Charaktere nicht so passiv wie im Vorgangsroman. Im Gegenteil war zwar jeder mit Verlusten gekennzeichnet. Dennoch trug ein Großteil der zentralen Figuren Wärme im Herzen. Bis auf die richtigen „Ureinwohner“ der Stadt, die sich als Opfer des Wetters betrachteten, ganz besonders der großen Flut vor einigen Jahren, die Familienmitglieder und Bekannte in den Tod riss.
Unter diesen Voraussetzungen konstruiert Shaw eine Geschichte über Liebe, Traditionen, Glaube und Fantasie. Sie berührte mich in ihrer Gesamtheit, trägt viel Weisheit in sich und zeigt die Schönheit und Vielfalt des Wetters und der Natur auf. Zugleich mahnt sie, sich nicht durch Aberglauben vom rechten Weg abbringen zu lassen und zeigt, wie tief verwurzelt es in der menschlichen Natur ist, im Schutz der Gruppe Einzelne zu (ver-)urteilen.

Fazit
Ali Shaws zweiter Roman verzauberte mich fast auf der ganzen Länge. Die Idee das Wetter in Kreaturen lebendig werden zu lassen, ist ganz fabelhaft und genauso toll umgesetzt. Der Stil Shaws bleibt der gleiche: poetische Worte beschreiben die Natur und Gefühle, und tragen viel Weisheit in sich. Einzig die Vorausschaubarkeit der Handlung dämpft meine Freude ein wenig. Und doch eignet sich dieses Buch sehr gut als Jugendroman.