Kein Tabor Süden - aber definitiv Friedrich Ani

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"Alles war denkbar unter den Menschen..." (S. 97)

Über die Toten redet man nicht schlecht, dafür über die Lebenden - die Hinterbliebenen - diejenigen die (plötzlich?) schon immer seltsam waren, die man nicht mochte und denen man Dinge unterstellt die nur die richtig stellen können, die nichts mehr zu sagen haben - die Toten.

Ganz ehrlich? Ich mag sie ja, diese seltsamen, verschrobenen Protagonisten, vielleicht weil sie so anders sind als 'normal' und damit Abwechslung bringen.
So auch hier, Jacob Franck, frisch pensionierter Mordermittler, Hauptkommissar und Todesnachrichtenüberbringer,
allein lebend aber nicht wirklich einsam.
Schließlich bekommt er ständig Besuch, meist unangekündigt aber oft erwartet -seine Geister- die Menschen, deren Todesfälle er nicht vollständig aufklären konnte und deshalb auch die Mappen mit allen Unterlagen aufhebt. Cold Cases quasi als Alleinunterhalter.
Und dann sitzen sie da, in seinem Wohnzimmer, essen seine Kekse, trinken seinen Schnaps und unterhalten Jacob bzw. bringen ihn zum grübeln.
Gestört ist er deswegen bei weitem nicht, nein, er ist ein sehr cleverer Mann, er kann zuhören und daraus ableiten. Er sieht die Gesten ebenso wie die Emotionen. Ein Gefühlsmensch durch und durch - ein Grenzgänger der seines gleichen sucht.

Zur Story:
Vielleicht kann es deswegen nicht nein sagen, als der alte Herr Winther vor seiner Tür steht und ihn bittet nochmals zu ermitteln. In diesem 20 Jahre zurück liegenden Fall. Für ihn und sein Seelenheil und für seine Tochter Esther, die sich damals mit gerade 17 Jahren, an einem 14. Februar, in Park erhängte. Selbstmord wie damals festgestellt?

Düster ist sie, diese Geschichte, melancholisch mit einem Hang zur Depression. Aber wie im Cover ist doch etwas im Fluss.
Kannte ich bis dato nur die Romane um den Vermisstenermittler Tabor Süden ist mir Jacob Franck vollkommen neu. Ein Sympath, ein Seelsorger unfreiwilliger Art, ein guter Zuhörer und Versteher, ein Denker, Grübler, Sinnierer. Zwar ruhig und bedächtig aber innerlich sehr aufgewühlt.

Die Geschichte um Esther lässt ihm keine Ruhe, genau so erging es auch mir.
Was hat es mit dem damaligen Freund auf sich?
Warum war Esther so anders?
Warum erhängte sich ihre Mutter im Jahr darauf?
Mit wem war Esther verabredet?
Viele Fragen - alle beantwortet - zufrieden stellend? Ja, durchaus, ein unerwartet erwartetes Ende.
Ein Jacob Franck den ich selbst gerne einmal in die Arme nehmen und einfach nur halten möchte.

Friedrich Ani bleibt seinem Stil treu. Er lässt die LeserInnen auch das Flüstern und Mauscheln hören. Gibt tiefe Einblicke in das Seelen- und Gefühlsleben Derer die zurückbleiben. Offenbart was man nicht sieht aber deutlich spürt. Sehr emotional und literarisch tiefgründig.
Ein tolles Werk, dass nicht jedem gefallen wird.
Vielleicht weil es so anders ist.

Wer Friedrich Ani einmal bei einer Lesung zu "Der namenlose Tag", erschienen im Suhrkamp Verlag, zuhören möchte, der Link hier führt auf die Verlagsseite und die Lesung.
http://www.suhrkamp.de/mediathek/friedrich_ani_der_namenlose_tag_lesung_998.html

Da mich das Buch in seiner Tiefe und Schreibart begeisterte,
vergebe ich 5 von 5 Sternen.
c ) K.B. 08/2015