Eiskalt und ein Sturm

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michael sterzik Avatar

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Der kühle Norden taut auf möchte man meinen wenn man im Genre „Kriminalroman“ stöbert. Skandinavische Autoren geben sich quasi die schreibende Hand und meistens, fast immer spielt die Geschichte in den etwas kälteren nordischen Landen und noch öfter ist der Roman ein Krimi oder ein Thriller.
Der Klassische Kriminalroman greift tendenziell nicht vor und identifiziert den Mörder schon in der Einleitung auf den ersten Seiten. Nein, in einen Krimi steht formal die Aufklärung des Verbrechens im Mittelpunkt der Geschichte. Der Leser übernimmt die Rolle des Vermittlers und fühlt sich ähnlich wie der literarische Detektiv oder Kriminalbeamter herausgefordert den oder die Mörder zu ermitteln und zu überführen.
Was war das Motiv des Mörders? Worin lagen seine Beweggründe? Und welche Indizien und Beweise tauchen auf? Wer gilt als prädestinierter Verdächtiger?
Die britische Autorin Agatha Christi schuf mit ihren beiden ermittelnden Figuren „Miss Marple“ und dem belgischen Hercule Poirot zwei Charakter in der Kriminalliteratur die noch immer als Vorbilder gerne genommen worden.
Die Norwegische Autorin Anne Holt hat mir ihren Kriminalroman „Der Norwegische Gast“ einen wahren Klassiker aus der Reihe „Nordiska“ verfasst.
Inhalt
Alles fängt mit einem Zugunglück an. Der Express von Oslo nach Bergen entgleist und obwohl es viel schlimmer hätte ausgehen können, so gilt dieser Unfall dennoch als Katastrophe. In Anbetracht der Verhältnisse hatten die Passagiere ein sagenhaftes Glück im Unglück. Es gab nur ein Todesopfer, einzig und allein der Lokomotivführer kann zu den Todesfällen gezählt werden, die übrigen 269 Reisenden kommen mit einem Schrecken oder nur leichten Verletzungen wie Hautabschürfungen, Prellungen und dem einen oder anderen Knochenbruch davon.
Das schlimmste an ihrer Lage ist die Geographische. Mitten im Gebirge von Bergen eingeschlossen werden die verunglückten Passagiere des Zuges 601 von einem Orkan und heftigen Schneefällen festgehalten. Die nächste Ortschaft ist zu weit entfernt, die Straße und Wege völlig überschneit so das den Reisenden nur das nahegelegene Berghotel „Finse 1222“ als alternativen Zufluchtsort zur Auswahl steht.
Abgeschnitten von der Umwelt und der Zivilisation bleibt ihnen nichts anderes zu tun als abzuwarten bis sich das Unwetter gelegt hat. Doch im Laufe der nächsten Stunden wird der Schicksalsgemeinschaft schnell klar, dass es länger als ein paar Stunden sein wird, bis Hilfe aus der nächsten Stadt zu ihnen kommen kann.
Die Spannungen in der Gemeinschaft nehmen zu, ebenso die Gerüchte das sich vielleicht ein Mitglied der Königsfamilie, die in einem Extra-Wagen gereist sein sollen, sich in den oberen Stockwerken des Hotels befinden. Bewaffnete Sicherheitsleute scheuchen jeden neugierigen Besucher freundlich aber bestimmt weg.
Die Ärzte die auf einem Weg zu einem Kongress waren, kümmern sich um die Leichtverletzten und die Hotelangestellten haben alle Hände voll zu tun, die vielen Menschen auf engsten Raum zu versorgen und vor allen zu beruhigen.
Unter den Passagieren ist neben einem bekannten Fernsehprediger der durch seine Auftritt sehr bekannt geworden ist die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen.
Hanne Wilhelmsen ist vor Jahren in einer Schießerei geraten und ein Kugel hat ihr Rückenmark zerfetzt, so das sie seit mehreren Jahren schon von der Hüfte ab gelähmt und auf ihren Rollstuhl angewiesen ist. Durch ihre Behinderung ist die frühere Beamtin launisch, verbittert und recht eigensinnig anstrengend geworden.
Die angespannte Situation spitzt sich weiter zu als der bekannte Fernsehprediger Cato Hammer erschossen aufgefunden wird. Es war Mord, eindeutig und Hanne ermittelt gegen ihren Willen, denn sie glaubt das die Polizei den Mord schnell aufklären kann, schließlich gibt es nur eine begrenzte Anzahl von potentiellen Tätern und auch der Tatort ist ja eher auf ein minimalen Umkreis eingeschränkt.
Doch die anfängliche Panik steigert sich und die Schicksalsgemeinschaft teilt sich in mehrere Lager auf. Einige Reisende sind abgeklärt und gelassen, andere hingegen befinden sich auf dem Weg in eine panische Hysterie und andere hingegen versuchen sich als Anführer zu profilieren.
Das Unwetter wird nicht besser, eher das Gegenteil. Je stärker der Orkan an dem verschneiten, vom Schnee eingeschlossenen Hotel rüttelt und zerrt, desto unruhiger werden die eingeschlossenen. Hanne weiß und hofft das schnellstens der Mörder unter ihnen gefasst werden muss, oder das Rettung naht sonst kann es innerhalb von „Finse 1222“ zu einer wahren Katastrophe kommen.
Hanne Wilhelmsen unterstützt von einem Arzt mit enormen Wissen und einem charismatischen Anwalt, sowie der Hotelmanagerin fangen an zu ermitteln und als sie glauben einen Zeugen der Mordtat zwischen den Passagieren gefunden zu haben, wird dieser erstochen aufgefunden…..
Kritik
„Der norwegische Gast“ von Anne Holt ist ein klassischer Kriminalroman, ganz im Stil der berühmten britischen Autorin Agatha Christi.
Die Geschichte wird aus der Perspektive der kauzigen Hanne Wilhelmsen geschildert, also aus ihrer Sicht. Mit viel humoristischen Zwischenbemerkungen und Vergleichen liest sich der Roman flüssig und interessant.
Anne Holt hat aber ihr Hauptaugenmerk auf den Ausbau und die Schilderung der verschiedenen Persönlichkeiten gerichtet. Es gibt ca. fünfzehn Personen die mit all ihren positiven wie auch menschlich negativen Eigenarten eine literarische Seele eingehaucht wird. Dabei geht die Autorin sehr tief in Detail, aber das tut dem Spannungsbogen keinen Abbruch sondern vertieft nur diesen.
Die Protagonisten wirken derartig gut konzipiert, dass man deren Schicksal und ihre Ängste und Hoffnungen gut nachempfinden kann. Die ganze Story wirkt recht realitätsnahe und nicht übertrieben oder gar verworren.
Spannend ist nicht nur die Ermittlung des Täters, sondern auch die Beziehungen der eingeschlossenen Personen untereinander. Wer kennt wen, oder vorher schon? Wer verheimlicht etwas? Mit der Tragik der Abgeschiedenheit, der Angst und der Panik, aber auch dem Überlebenswillen und der Hoffnung legte die Autorin viel Wert auf die Dialoge ihrer sympathischen Figuren.
Ein Krimi ist kein Thriller, so dass wenig Blut fließt und auch die Spannung zwar da ist, nicht aber über die ganze Handlung dominant wirkt. Der Leser ist wirklich angehalten sich selbst Gedanken zu dem Motiv und den Ablauf des Mordes zu machen. Mit jedem Kapitel summieren sich die Hinweise, so dass der Leser erst zum Schluss mit der Auflösung des Rätsels konfrontiert wird.
Anne Holts Stil und ihre Schreibweise sind authentisch und sehr detailreich. Über die Hauptperson, der im Rollstuhl sitzenden Hanne Wilhelmsen erfährt man viel Persönliches so dass man durchaus das Gefühl hat die Figur schon länger zu kennen oder auch mitten unter den Eingeschlossenen zu sein. Ihrer Figur ist wie es auch sein muss, viel Platz gegeben. Ihre Ängste und Bedenken nehmen ab, ihre Selbstsicherheit und ihr Platz in ihrem „eigenen“ Leben ist eine formvollendete eigene Geschichte die auch weiter ausbaubar ist.
Etwas paradox verhält es sich aber das man sich zwar Hanne nahefühlt zugleich aber an ihrer Gedankenwelt keinen Anschluss findet. Ihre Ermittlungen, ihre Vermutungen und Verdächtigungen behält sich fast gänzlich für sich, so das Leser aus einer bestimmten Distanz ihr nicht folgen kann, selbst wenn er das will. Einerseits spannend und motiviert den Leser versteckt selbst aktiv zu werden, andererseits kann es etwas befremdlich wirken.
Fazit
Anne Holt ist ja selbst Norwegerin und ihr Skandinavisches „Ich“ oder das Lebensgefühl spiegelt sich gut in „Der norwegische Gast“ wieder.
Von Norwegen und ihren Menschen und ja auch dem Wetter, erfährt der Leser für einen Kriminalroman recht viel und die Autorin macht sich oftmals schelmisch im positiven wie auch negativen über ihre Landsleute lustig. Objektive Selbstkritik ihrer Figuren spiegeln ihre Liebe und ihre Verbundenheit zu Norwegen gut wieder.
„Der norwegische Gast“ ist ein Lesevergnügen à la einer Geschichte mit Miss Marple die wie es mir vorkam eine „Großmutter“ von Hanne Wilhelmsen gewesen sein könnte. Der Schauplatz erinnerte mich sofort an den Roman oder die Verfilmung „Mord im Orient Express“ in dem es auch ein ähnliches Szenario gab. Ein Mord, eine eingeschränkte Lokalität und jeder könnte der Mörder sein. Die Zutaten für diese Art von Geschichte sind zwar nicht neu, aber doch gekonnt an den richtigen Stellen platziert.
Der Krimi ist für jeden Krimifan zu empfehlen und man sollte sich diesen nicht entgehen lassen, ganz bestimmt erst Recht nicht wenn man sowieso gerne „nordische“ Krimis liest und sich in den nordischen Ländern mit ihrer Lebensart wohl fühlt.
Autorin
Anne Holt, geboren 1958 in Larvik, wuchs in Norwegen und in den USA auf. Als freie Autorin lebt sie heute mit ihrer Familie in Oslo. Ihre Kriminalromane werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und machen sie zu einer der erfolgreichsten skandinavischen Autorinnen weltweit. Zuletzt erschienen von ihr „Was niemals geschah“ und „Die Präsidentin“.