Gewollt und nicht gekonnt

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bartimaeus Avatar

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**Der nützliche Freund _Ulrich Wickert, 2008_** Piper, ISBN: 978-3492050203 Es passiert selten, dass ich Bücher abbreche, sehr selten. Dieses Buch ist ein solcher Fall. Ohne Zweifel hat Ulrich Wickert bei seiner Tätigkeit als Tagesschausprecher viele interessante Dinge erfahren und möchte sie gerne mitteilen. Die Episode mit der Handynummer Sarkozys ist amüsant - als mündliche Anekdote. Ein großes Problem des Buches ist der Stil, er ist weder konstant in seiner Art, noch sonderlich gut. Kurze Sätze mögen ein Stilmittel sein. Umgangssprache oder einfache Wortwahl ebenso. Bei Herrn Wickert klingt es leider aber so, als hätte er es nicht besser gekonnt. Krönung ist für mich das kurze Kapitel "Der einsame Mann auf der Bank", das mit den Worten "Er trug einen dunklen Mantel, weil Männer mit dunklen Mänteln nicht auffallen. Besonders abends nicht." beginnt und abschließt mit "Im Dunkeln verschwand ein Mann im dunklen Mantel." Es ist für mich ein gutes Beispiel für "Gewollt, aber nicht gekonnt." Ebenso wie das Wort Quetschkommode in einer atmosphärischen Schilderung. Es ist ein unbeständiger Plauderton, der für Talkshows oder Ähnliches reicht, in einem Buch aber nicht überzeugt. Thematisch finde ich die Verquickung von realen Ereignissen und die gleichzeitige Erfindung neuer Namen problematisch. (Wobei ich auch nach wie vor finde, dass sich Wickert trotz seiner Informationen mit dem Thema übernommen hat, aber da ich das Buch nur zu Teilen gelesen habe, kann ich das nicht ganz beurteilen ...) Warum werden einige Namen beibehalten, warum wird die France Oil neu erfunden? A propos, das führt mich zu einem weiteren Kritikpunkt. Nein, ich meine nicht die übermäßige Verwendung französischer Begriffe, die stört mich als frankophilen Leser nicht, sondern die Art wie sie im Text untergebracht werden. Willkürlich wird "Quart de Rouge" (Viertelliter Rotwein) großgeschrieben, daneben stehen verhunzte Schreibweisen wie die Police judiciaire oder Vin du pays, die in ihrer Mischung aus Groß- und Kleinschreibung weder in ein französisches noch ein deutsches Schriftbild passen. Warum nicht einfach klein und kursiv als fremdsprachlich kennzeichnen? So ist es nichts Halbes und nichts Ganzes und stört. Atmosphäre kommt keine auf, Spannung ebenfalls nicht und die Figuren bleiben Pappschablonen. Außer ein wenig Amüsement mit meiner Mutter (die sonst Herrn Wickert recht sympathisch findet) über die Sprachvergewaltigungen hat mir das Buch keinen Anlass zur Freude gegeben, das war mein erster und letzter Wickert. --- "Hay peores cárceles que las palabras, Daniel." (La sombra del viento, Carlos Ruiz Zafón)