Zu wenig Krimi

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stephi Avatar

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Jacques Ricou ist Untersuchungsrichter in Paris und wird mit einem Fall betraut, der von Beginn an kein „normaler“ Mord ist, aber nach und nach ergeben sich immer mehr wirtschaftliche und politische Hintergründe und immer mehr Menschen fallen den Vertuschungsversuchen zum Opfer. Jacques immer-mal-wieder-Freundin Margaux ist als erfolgreiche Journalistin auch sehr an dem Fall interessiert – zumal sie mit dem Mordopfer schon länger in Kontakt stand, um einen Skandal aufzudecken...

Ich wusste gar nicht, dass Ulrich Wickert Krimis schreibt, bis ich dieses Buch in meinem Briefkasten fand. Im Nachhinein habe ich vermutlich auch nicht wirklich viel verpasst.

Das Buch ist nicht schlecht, aber es ragt auch nicht aus der breiten Masse heraus. Ich würde es als solide bezeichnen, nicht mehr und nicht weniger. Das reicht jedoch nicht, um einen bleibenden Eindruck bei mir zu hinterlassen.

Vor dem Lesen war ich skeptisch, weil ich nicht wusste, ob ich mit dem Thema zurecht komme. Das lief jedoch erstaunlich gut. Das Buch ließ sich sehr flüssig lesen, die politischen und wirtschaftlichen Aspekte waren auch wirklich sehr interessant und ich habe sie ohne umfangreiches Vorwissen verstanden. Das Problem ist einfach, dass mir eine ordentliche Portion Spannung gefehlt hat und das Ende auch nicht wirklich als Knaller bezeichnet werden kann. Ja, Ricou ist kurzzeitig mal in Gefahr, aber es war ab dem Moment, in dem er das Blackberry hinter dem Monitor abgelegt hat, ziemlich klar, was passieren würde.

Abgesehen davon hat mir die Stimmung außerhalb der Ermittlungsarbeit sehr gut gefallen. Das französische Bistro in dem Ricou jeden Morgen frühstücken geht, Gaston der auvergnatische Bistrowirt mit dem auvergnatischen Bart. Herrlich. Das hatte wirklich Flair – aber leider soll dieses Buch ein Kriminalroman sein, so dass das Drumherum nicht elementar für das Gelingen oder Misslingen verantwortlich ist.

Schon eher damit zu tun hat die Beziehung zwischen Ricou und der deutschen Staatsanwältin. Das ganze fand ich etwas unglaubwürdig, auch wenn ihre Geschichte ganz interessant war und ihr Verhalten gut erklärt. Aber dass sie dem guten Jacques nun nach ein paar Nächten gleich ihre innige Liebe gesteht, obwohl eingangs deutlich gesagt wird, dass sie es nicht so mit Bindungen hat, naja. Natürlich macht sie eine Wandlung durch, aber die Zeit scheint mir doch etwas knapp bemessen dafür. Geschmackssache.

Etwas irritierend fand ich den Schreibstil Wickerts. Manche Gesprächssequenzen wurden in wörtlicher Rede wiedergegeben, andere in indirekter Rede und wieder andere erschienen vom Wortlaut her wie eine wörtliche Rede, waren aber nicht als solche gekennzeichnet. Hier hätte ich mir doch mehr Einheitlichkeit gewünscht. Das heißt nicht, dass ich alles in einer Art wiedergeben würde, sondern vielmehr, dass mir ein System fehlt, nachdem die Auswahl getroffen wurde. Vielleicht gab es das ja sogar, aber ich habe es nicht erkennen können.

Alles in allem hat das Buch für mich wenig von einem Kriminalroman – vielleicht hätte Wickert lieber einen Politik- oder Wirtschaftsroman daraus machen sollen.