Auf der Suche nach Glück

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turu Avatar

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Der Roman von Andrej Kurkow „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“ spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in  der neu gegründeten UdSSR. Vorrangiges Ziel des neuen totalitären Systems ist die Verbreitung des Kommunismus bis in die entferntesten Republiken und die industrielle Entwicklung des rückständigen Landes. Diese Ziele haben oberste Priorität. Das Schicksal des Einzelnen ist bedeutungslos.

 

In seinem kleinen Dorf wird Pawel A. Dobrynin, ein unbeliebter Genosse, von der Kolchosversammlung zum Arbeitskontrolleur über das ganze Land ernannt. Seiner Sturheit und Ehrlichkeit „bis hin zur Dummheit“ verdankt er diese Beförderung, die ihn nun ins ganze Land hinaus bringen wird. So lässt er Frau und Kinder zurück und macht sich auf den Weg.

Auf seiner Reise durch die Instanzen bis hin zum Parteibüro bescheinigt man ihm die Eignung für dieses Amt, weil er ein „offenes Gesicht und ein freundliches Lächeln“ hat.

Sein Reisebegleiter ist ein von Lenin verfasstes kleines Büchlein, in dem alle zu beachtenden Vorschriften -  in kleine Geschichten verpackt - aufgelistet sind.

Seine erste Dienstreise führt ihn in eine der entferntesten  Sowjetrepubliken am Polarkreis, wo er die Mängel am Lebensnotwendigsten am eigenen Leib zu spüren bekommt. Er entgeht nur mit viel Glück einem Mordanschlag und deckt schwere Missstände auf, für die er im Kreml  mit weiteren Befugnissen belohnt wird.

Glücklich ist Pawel nicht wirklich, denn er sehnt sich unsagbar nach seinem Zuhause, das er wohl nicht wiedersehen wird. Doch er hat gelernt, dass die Erfüllung seiner Aufgabe für das Land wichtiger ist als sein Glück.  Seiner Aufgabe als „wahrhaftiger Volkskontrolleur“ wird er gerecht, denn er sucht nicht, sich persönlich zu bereichern. Da kommt bei mir der Verdacht auf, ob Kurkow davon ausgeht, dass man einfältig sein muss, um nicht von seinem Amt zu profitieren.   

Parallel zum zentralen Handlungsstrang um den Volkskontrolleur Pawel entwickelt Kurkow weitere Nebenhandlungen, die er jedoch an keiner Stelle des Buches miteinander verknüpft. Und doch gewähren sie auf ihre Weise wichtige Einblicke in die Geschichte, ohne den Leser zu verwirren.

Da gibt es eine Reihe von gesetzlosen Randfiguren der Gesellschaft wie Deserteure, Rotarmisten, entlaufene Kolchosbauern oder einen aus dem Himmel desertierten Engel, die alle auf der Suche nach ihrem Glück sind. Sie folgen ihrem Stern in das Gelobte Land und gründen eine Kommune, die dem Idealbild des Kommunismus sehr nah kommt.

Da gibt es aber auch den einsamen, gefühlvollen Schuldirektor, dessen Lebensinhalt nur die Schule und die Befolgung der Vorschriften ist. Zufrieden ist er nur, wenn die Schule leer ist und er auf dem Schuldach sitzend den Sternenhimmel über sich sieht. Nur einmal fühlt er sich glücklich, als er die Mutter eines Schülers, die keine Träume mehr hat, mit einem Fallschirmsprung hat  glücklich machen können.

Kurkow hat mit seinem sehr politischen Roman auf feine, subtile Weise ein Bild der Sowjetunion zur Zeit Lenins gezeichnet. Auch wenn einige Ereignisse unwirklich erscheinen, so gelingt es ihm unnachahmlich, die Unfreiheit des Einzelnen, die Schwächen des Kommunismus und die Unterdrückung bzw. Ausrottung von Minderheiten deutlich zu machen. Die Rolle der übermächtigen Partei oder die Erkenntnis Dobrynins „Vorschriften standen nicht zur Diskussion“(S.155)  beherrschen den Roman ebenso wie die Aussage Dobrynins „Gedanken von zweifelhafter Bedeutsamkeit waren weder in Büchern noch in Zeitungen gedruckt“ (S.156).

Auszubrechen aus dieser Enge wagt nur das Pferd Grigorij, das nach anfänglicher, ergebnisloser  Rebellion dem Drang nach Freiheit nachgibt und den Tod in Kauf nimmt.

Der Stil dieses Romans, der sich mühelos liest,  entspricht dem naiven Gemüt unseres Protagonisten Pawel Dobrynin. Und doch vermag diese einfache Sprache zu berühren. Da „flackern Gespräche auf wie Funken des Lagerfeuers. Flammenzungen neigten sich wie im Tanz“ (S.292) sind z.B. solche Metaphern, die die Sprache zum Klingen bringen. Poetisch wird die Sprache immer dann, wenn die Menschen sich ihren Träumen hingeben oder Gefühle zulassen.

Mir hat dieser Roman sehr gefallen und ich kann ihn nur empfehlen. In leisen, unaufdringlichen Tönen beschreibt Kurkow, wie Menschen ihr Leben in einem totalitären System, in dem selbst die Frage, ob man gerne lese, verfänglich ist,  meistern und welche Nischen sie finden, um das zu erleben, was man Glück nennt. So lässt er Katja sagen:

 „Glück ist das Empfinden von Kraft“.(S.304)