Ein Glas Nost, bitte!

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pandanoid Avatar

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**INHALT**

Wie würden Sie reagieren, wenn ich Ihnen sage, dass unsere Bundeskanzlerin in zehn Minuten bei Ihnen klingeln wird, um - völlig unerwartet - zu verkünden, dass Sie auserwählt wurden, die oberste Kontrollinstanz unseres Landes zu werden, dafür aber ihr bisheriges Leben aufgeben müssen? Vermutlich würden Sie nach einer versteckten Kamera suchen oder freundlich auf das Schild "Bettler und Hausierer werden gegessen!" auf Ihrer Garteneingangstür hinweisen und die Hunde loslassen.

Doch nicht mit Pawel Aleksandrowitsch Dobrynin, der einzig Gerechte und dem Vaterland treu Ergebene macht sich also auf den Weg, um dem Ruf zu folgen und der wahrhaftige Volkskontrolleur zu werden. Eine Stellung mit gewissen Vorzügen, wie er bald feststellt, denn neben einem schicken Schimmel (zum Reiten, nicht auf altem Brot) erhält er eine dienstlich gelieferte Ehefrau und einen Freibrief, mit dem er sich nie wieder Sorgen um Geld machen muss. Als Volkskontrolleur hat ihm jeder Hilfe zu gewähren. Punkt. Da soll nochmal jemand behaupten, dass die Planwirtschaft nicht ihre Vorzüge hätte.

Neben Pawel gibt es da allerdings noch ein paar ebenso merkwürdig anmutende Gestalten. Allen voran ein Engel, aus dem Himmel hinabgestiegen, um den einzig wahrhaft Gerechten auf der Welt (oder zumindest in Russland) zu finden. Ein nobles Ziel, wären ihm nicht seine mies gelaunten Engelskollegen auf den Fersen, um den Flüchtigen zurückzubringen.

Schuldirektor Banow, etwas desillusioniert durch die ganzen Neubauten in seiner Stadt, aber dennoch hochmotiviert übt sich derweil als Gutmensch und streitet dafür, einer bemitleidenswerten Frau zu helfen, ihre verlorene Fähigkeit zum Träumen neu zu erlernen.

Dann gibt es noch den Künstler Iwanow, mit dessen Träumen ist es ebenfalls nicht weit her. Mit seinem einzigen Freund, einem lyrische Zeilen schmetternden Papageien, tingelt er durch Mütterchen Russland und sorgt für Unterhaltung...

 

**WERTUNG**

Nun, eine Frage drängt sich unmittelbar in den Vordergrund: Was haben diese vier höchst unterschiedlichen Protagonisten miteinander zu tun?

Die ebenso simple wie enttäuschende Antwort: Nichts.

Der Schwachpunkt des Buches ist neben seiner teilweise infantil anmutenden Erzählweise für mich ganz eindeutig die Belang- und Zusammenhangslosigkeit der einzelnen Geschichten. Im Grunde ist es eine Collage verschiedener Kurzgeschichten, die sich gegenseitig immer mal wieder unterbrechen und dadurch der Atmosphäre und Identifikation mit den Figuren nicht gerade zuträglich sind.

Grundsätzlich sind die "Helden" der Geschichte eindeutig zu platt geraten. Sie wirken eindimensional und höchst holzschnittartig. Man kann den Gestalten beim besten Willen kaum etwas Sympathisches abgewinnen. Ganz klar, hier steht der Zweck im Vordergrund.

Der Zweck ist bzw. soll wohl sein, einen zynischen Blick auf das Russland der Zwanziger Jahre zu offenbaren, angereichert mit häufig wahnwitziger Übertreibung (siehe Dienstehefrau). Dies gelingt, es sind deutliche Treffer gegen das einstige System, allerdings zum Preis einer insgesamt ziemlich flachen Handlung, die kaum jemanden hinter dem Ofenrohr hervorlocken kann.

Auf der Habenseite punktet das Buch immerhin mit einem flüssigen Stil, es liest sich alles recht schnell und kurzweilig, lediglich für Laien der russischen Kultur gibt es immer mal wieder kleinere Stolpersteine, die man in Eigenregie recherchieren muss (Kolchose?). Dies war - für mich - aber beinahe noch ein zusätzlicher Pluspunkt, denn so hat man gleich noch ein wenig über den großen Nachbarn im Osten lernen können.

Der in so vielen Kritiken hochgelobte Humorfunke ist bei mir jedoch absolut nicht übergesprungen. Es war zu jeder Zeit offensichtlich, was nun wirklich humorvoll sein sollte, doch es ist meist so platt, dass man schon beinahe um jeden Schmunzler kämpfen muss.

 

**FAZIT**

_"Do swidanja, ob wir uns wiedersehn?
Do swidanja, das kann keiner sagen..." -- Udo Jürgens_

"Ein echter Kurkow", dieses Prädikat hatte ich bei meiner Vorabrecherche einige Male vernommen. Ich muss leider sagen, dass ich demnach keinen zweiten Kurkow brauche, wenn das ein Echter war.

Zu flach der Humor, zu kindisch die Erzählweise, zu belanglos die Geschichten, zu zusammenhangslos die Handlungsstränge.

Dem Buch fehlt leider etwas ganz Entscheidendes: der rote Faden.