Der wahre Meister

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Es ist die Lebensgeschichte des Johann Rukelie Trollmann, eines wahrhaft besonderen Boxers. Leider schreiben wir das unseelige Jahr 1933 und Hitler hat gerade entdeckt, dass das Boxen die einzig wahre Sportart ist. Sofort wird der Augenmerk aller Sportverbaende aufs Boxen gerichtet und v.a. werden die Verbaende umstrukturiert: jetzt zaehlt nicht mehr das sportliche Wissen und organisatorische Können sondern nur noch die rechte Gesinnung - was natürlich verheerende Folgen mit sich bringt. Alle Juden werden aus den Verbaenden und den Sportkadern verbannt - was eine grosse Lücke im Boxsport klaffen laesst.
In dieser Athmosphaere versucht Rukelie sich an den Titel des "Deutschen Meisters" heranzuboxen. Er hat eine grosse Fangemeinde, nicht nur unter den eingefleischten Anhaengern des Boxens: seine Auftritte sind eine inszenierte Show, alleine sein in-den-Ring-steigen, seine "Flanke", ist berühmt. Aber Rukelie ist ein Sinto, und damit in den Augen der nationalsozialistischen Rassenlehre nicht "deutsch" genug. Er kann zwar einen deutschen Pass vorlegen, aber eben kein "reines deutsches Blut".
Trollmann einfach auch so wie die jüdischen Boxer auszuschliessen geht nicht - es gibt einfach zu wenig guten Ersatz; ausserdem ist Trollmann zu sehr beliebt beim Volk.
So versuchen die unfaehigen nationalsozialistischen Boxfunktionaere mit allen möglichen Regelaenderungen, diesen Titel des "Deutschen Meisters", der ihm eigentlich zusteht, für ihn unerreichber zu machen.

Eigentlich geht es in diesem Buch ausschliesslich ums Boxen. Wir lernen, wie ein gutes Training eines Boxers aussieht, erfahren einiges über Boxverbaende und Manager, am Rande wird ein bisschen privates erzaehlt. Natürlich lernen wir die Familie Trollmann kennen und erfahren ein bisschen über die Probleme, die sie als Sinti haben. Ein grosser Teil des Buches nimmt der legendaere Kampf um den Meisterschaftstitel ein, Trollmann gegen Witt.

Für mich ist das Boxen sicherlich der Sport, der mich am wenigsten interessiert, wegen seiner Brutalitaet sogar abstösst. Trotzdem habe ich das Buch mit grossem Interesse gelesen. Frau Bart hat einen interessanten Stil - sie schreibt ganz sachlich, aber wenn sie die Unfaehigkeit der linientreuen Boxobersten beschreibt, steckt der Spott zwischen den Zeilen, dann muss man einfach lachen! Mit Witz aber Objektivitaet schildert sie einfach nur minutiös was sich damals ereignet hat. Und wir als -auch boxunbedarfte - Leser folgen ihr aufs Wort. Wir verstehen, was sich da im Ring abspielt und warum die Fangemeinde so reagiert. Man versteht nur wieder einmal nicht, dass so grosse Teile der deutschen Bevölkerung dieser so offensichtlich dummen Rassentheorie folgen konnten!

Stephanie Bart zeigt mit diesem Werk, dass man auch ein Thema, das nicht allgemeininteressant ist, so aufarbeiten kann, dass es für alle spannend ist. Grosses Lob!

Übrigens ist das eine wahre Geschichte - leider wird das auch auf dem Klappentext nicht erwaehnt