Völlig neue Zombie-Geschichte

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kittyzer Avatar

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Sergeant Parks jagt ihr eine Kugel in den Hinterkopf. Während ihr Kopf zur Seite sackt, reißt die Hungernde den Mund noch weiter auf. Dann bricht sie über dem Kinderwagen zusammen, der ein Stück weit rollt und sie dann auf dem Straßenkies absetzt.
Ringsum erwachen die Hungernden zum Leben, ihre Köpfe bewegen sich wie Radarschüsseln.
"Bewegung", knurrt Parks. "Auf mein Zeichen." Dann brüllt er: "Lauft!"
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INHALT:
Melanie wächst wie eine Gefangene auf. Sie verbringt ihre Nächte in einer Zelle und ihre Nachmittage in einem Klassenraum, in dem ihr wichtige Dinge beigebracht werden - und währenddessen sie an einem Rollstuhl festgebunden wird, genau wie die anderen Kinder, die dort mit ihr zusammen sind. Sie weiß nicht, weshalb das so ist, aber es ist die Normalität. Was sie jedoch weiß, ist, dass Kinder verschwinden und nicht wieder kommen. Und dass draußen, außerhalb ihrer Wände, etwas ist, was sie nicht begreift. Etwas, das unaufhaltsam näher kommt...

MEINE MEINUNG:
Das Zombie-Genre ist ausgelutscht - finde ich jedenfalls. Dauernd erwacht irgendeine arme Seele in einem Krankenhaus und muss sich dann gegen eine Horde Untoter behaupten. Erfrischend also, dass M. R. Carey in "Die Berufene" einen gänzlich anderen Weg geht. Nicht nur wird die Krankheit mit wissenschaftlichen Belegen erklärt, die absolut glaubwürdig wirken, die Geschichte wird zu einem Großteil auch noch aus der Sicht eines 10-jährigen Mädchens erzählt, das selbst eine sogenannte Hungernde ist. Und mit diesen schon zum Einstieg äußerst vielversprechenden Prämissen wird hier kontinuierlich auf hohem Niveau weitergearbeitet.

Melanie ist, für ihre 10 Jahre verständlich, naiv in ihrem Weltbild und erfüllt von der Liebe zu ihrer Lehrerin Miss Justineau, ihrem Vorbild. Sie wird allerdings auch durch eine besondere Intelligenz ausgezeichnet, die sie gänzlich von ihren Leidensgenossen abhebt. Miss Justineau wird von einem ihr selbst manchmal unverständlichen Drang getrieben, dem Mädchen zu helfen, komme was da wolle. Sie ist eine starke und mutige Frau, allerdings auch ein Sturkopf. Sergeant Parks, dem im Laufe der Handlung eine größere Rolle zuteil wird, stellt sich als schlecht gelaunter und eher grausamer Zeitgenosse vor, zeigt aber irgendwann auch Selbstironie und eine Charakterentwicklung. Und Doktor Caldwell ist eine verabscheuungswürdige Figur, die man in ihrem Wahn, eine Lösung zu finden, aber doch irgendwie verstehen kann. Insgesamt beschränkt sich die Anzahl der Figuren auf ein paar wenige, diese sind dafür dann aber auch exzellent ausgearbeitet, ob man sie nun mag oder nicht.

Die ersten 100 Seiten bildeten für mich einen etwas zu langsamen Einstieg, in dem es größtenteils um Melanies zwar erschreckenden, aber eben auch eintönigen Alltag und ihre Vergötterung von Miss Justineau geht. Nach dieser Durststrecke nimmt die Geschichte jedoch sehr schnell richtig an Fahrt auf, denn die Charaktere und somit auch den Leser erwartet ein gefährlicher Roadtrip, um vor den Schrecken zu fliehen, die hinter ihnen her sind. Und dabei wird nicht zimperlich vorgegangen - wie man das eben auch auch Zombie-Filmen kennt. Man hat den Geruch nach Tod und Verwesung regelrecht in der Nase und die grausamen Tode, die einige Wesen oder Menschen erleiden müssen, vor Augen, so bildlich und ausdrucksstark beschreibt der Autor die Geschehnisse.

Dabei begeistert aber besonders, dass er nie den wissenschaftlichen Weg verlässt, sondern kontinuierlich nach einer Erklärung und eventuellen Lösung gesucht wird. Während sich die Situation zuspitzt und es für die Figuren immer wahrscheinlicher wird, ein gefundenes Fressen zu werden, werden die Seiten schnell weniger, weil es so spannend ist. Und auch wenn man sich zum Ende hin fragt, wie bei den paar übrigen noch zu einem würdigen Abschluss gekommen werden soll, wird dann eine so gute und vor allem unerwartete Auflösung gefunden, dass man wie geschockt da sitzt. Wunderbar ist, dass die Story hiermit abgeschlossen ist - ein Einzelband in diesem Genre ist etwas Besonderes, und wenn dieser dann auch noch ein so gelungenes Ende hat, kann man vollauf zufrieden sein.


FAZIT:
"Die Berufene" startet sehr langsam - für mich etwas zu langsam -, nur um dann richtig loszulegen und einen mit spannungsgeladenen Situationen, famosen Hypothesen und authentischen wissenschaftlichen Fakten durch die übrigen 400 Seiten zu jagen. Keine Frage, wer der üblichen Zombie-Klischees überdrüssig ist, sollte es mit M. R. Careys Version versuchen. 4,5 Punkte!