Lebendig geschrieben!

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yasemine Avatar

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Ein Kardinal wird in einem Olivenfass an die italienische Botschaft geliefert; dieser Mord löst eine Reihe von Fragen auf. Der Kommissar Barudi darf diesen Top-Secret-Fall lösen und er hofft, dieses eine Mal, tatsächlich einen Fall bis zum Ende lösen zu können. Wenigstens dieser eine Fall vor seiner Pensionierung. Aufgrund der Sippenwirtschaft in Syrien – Syrien im Jahr 2010, es herrscht noch Friede – wurden ihm in seiner langen Laufbahn schon oft Fälle wieder entzogen und einfach nicht abgeschlossen. Denn sobald jemand der Verdächtigen mit den Machthabern verbandelt ist, wird das Verfahren üblicherweise rechtzeitig eingestellt oder aber auch willkürlich ein anderer dafür büßen. Barudi hat dieses System satt und doch ist er (innerlich) gedrängt, immer weiter zu ermitteln, die Hoffnung auf Gerechtigkeit nicht aufzugeben.

Er hat viel erlebt im syrischen System und ist sehr bedacht, wenn es um neue Fälle geht. Seiner ehemaligen Frau, Basma, weint er immer noch nach, er kann ihren Verlust kaum verkraften. Sie ist damals an zerbrochenem Herzen gestorben, als ihnen der kleine Junge Scharif, den sie bei sich aufgenommen hatten und adoptieren wollten, von einem entfernten Onkel weggenommen wurde, nur, weil sie Christen waren.

Frauen kommen im Buch leider nur in der Rolle von Sekretärinnen oder Ehefrauen/Geliebte vor. Das wird wohl seine Gründe in der Struktur der syrischen Gesellschaft haben. Es ist aber – für mich als westliche Frau – höchst eigenartig, einen Roman zu lesen, in der ausschließlich Männer Protagonisten und Entscheidungsträger sind und Frauen kaum zu Wort kommen. Frauen haben eine sehr passive Rolle im Hintergrund.

Faszinierend ist die Rolle der Religion und Wunderheilungen, denen in diesem Roman eine besondere und große Rolle zukommt (logischerweise, schließlich wurde ein römischer Kardinal ermordet (!) und dies angeblich aufgrund seiner Recherchen zu (teilweise christlichen) Wunderheilern in Syrien).

Rafik Schamis Gedanken zu den verschiedenen Religionen sind sehr bewegend/rührend/treffend und werden meist wie nebenbei erwähnt. Leider ist es tatsächlich so, dass Fanatismus oftmals eine eigenartige Anziehung auf unterschiedlichste Leute ausübt. Das Ausmaß an Handlungen, die Menschen wohl begehen, wenn es um das Thema Wunderheilungen geht, wurde mir erst durch diese Lektüre bewusst. Ich möchte hier lediglich die mit Schweiß und anderen Körperflüssigkeiten bedachten Tücher erwähnen, die einer der vermeintlich Heiligen aus seinem Turm dem Volk entgegenwirft und das Volk rauft sich beinahe um diese benutzten Tücher…

Außerdem stellt Rafik Schami Barudi einen Kameraden zur Seite – einen italienischen Ermittler, der nach gemeinsamer Übereinkunft inkognito als italienischer Journalist seiner Arbeit nachgeht und einen Artikel über Wunderheiler in Syrien verfassen soll. Mancini heißt er und er ist einem sehr sympathisch, die beiden verstehen sich sehr gut, vertrauen einander und Rafik Schami schreibt so, dass ich manchmal das Gefühl hatte, dabei zu sitzen bei ihren Gesprächen zu den aktuellen Ermittlungen, die sie meist mit einem guten Essen oder zumindest einem typisch syrischen Snack und Getränk verbanden.
Da sie einander schnell vertrauen, erfährt man, wie es in Italien und in Syrien so abläuft – das diktatorische System in Syrien und die Mafia, die überall ihre Finger im Spiel hat, in Italien.

Leider hat Mancini ein gewisses Aggressionsproblem, mit dem er noch nicht gelernt hat umzugehen, wenn es um Frauen geht. Diese Seite an ihm erfährt man erst relativ spät und sie kratzt sehr an seinem Image, so gerne man ihn als Partner an der Seite Barudis im Zuge der Ermittlungen auch sieht und so verlässlich und loyal er sich Barudi gegenüber auch verhält. Er hat eigentlich eine zweite Seite, die tief verborgen und dunkel ist, ihn aber oft auch nicht schlafen lässt.

Damit Barudi schlafen kann oder aber auch wenn er gerade nicht schlafen kann, schreibt er Tagebuch. In einem solch korrupten System wie Syrien muss er sein Tagebuch sicher verschließen und verstecken. Niemand kennt seine Tagebücher. Er kann sich darin alles vom Herzen schreiben und alle seine Sorgen, Nöte und Gedanken zu den Ermittlungen niederschreiben.

Es handelt sich hierbei um einen tollen Schachzug Rafik Schamis, um den Leser/die Leserin in das Innere des sonst so verschlossenen und vorsichtigen Ermittlers blicken zu lassen.

Erst im letzten Drittel kommt der Verdacht auf, auf der falschen Fährte zu suchen. Es ging viel weniger darum, dass der Kardinal irgendwelche Heiligen und irgendwelche Wunderheiler in Syrien aufsuchen wollte. Eigentlich wollte er mehr über die Verbindung der italienischen Mafia, dem Vatikan und den in Syrien ansässigen Drogenbaronen herausfinden, denn womöglich waren Kardinal Buri und sein Clan mit der italienischen Mafia verwickelt.

Als die beiden zum Ende hin dann den Terroristen in die Hand fallen, wird es höchst spannend und fast schon absurd, da sein ehemaliger beinahe Adoptivsohn Scharif aufgrund schrecklicher persönlicher Zufälle zu einem der höchsten Anführer der Terrororganisation wurde und er ihm auf diese Art wieder begegnet. Barudi hatte jedenfalls keine Ahnung davon, dass es im Land bereits so weit ist, dass Terroristen Teile des Landes in der Hand haben. So in etwa kann ich mir vorstellen, dass es in Krisengebieten tatsächlich immer wieder ist, dass Leute die tatsächlichen Umstände ihrer Landesgrenzen gar nicht kennen. Das hat natürlich fatale Folgen.

Glücklicherweise bleiben Barudi und Mancini dank Scharif vor Schlimmerem verschont und können nach einigen Tagen strikter Gefangenschaft wieder nachhause fahren.

Tja, so hart die Realitäten in diesem Werk auch immer wieder sind, so freut es mich sehr und ist es doch ein schöner Wink des Schicksals, dass Rafik Schami Barudi zum Ende seiner Dienstzeit und irgendwie auch am Ende seines langen harten Lebens die liebevolle Nariman an seine Seite stellt, die er kurz vor seiner Abreise ins Landesinnere zu den Ermittlungen näher kennenlernt. Ein weiterer Genuss ist es, zu sehen, wie er – nachdem ihm entgegen seiner Hoffnungen auch dieser Fall wieder aufgrund von Verbandelungen „nach oben“ entzogen und ihm sogar Zwangsurlaub verschrieben wurde – auf die Ehrung seiner Arbeit zur Pensionierung verzichtet und an dieser feierlichen Zeremonie nicht teilnimmt.