Kriege hinterlassen Spuren

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Der Roman „Die Illusion des Getrenntseins“ von Simon van Booy beginnt in der Gegenwart, genauer gesagt im Jahre 2010 und reicht bis ins Jahr 1939 zurück. Er beginnt bei dem 66 jährigen fürsorglichen Hausmeister Monsieur Martin in einem Kalifornischen  Seniorenheim. Dieser kümmert sich rührend um die betagten Menschen und ist gerade dabei, den Empfang für den aus England angereisten Senior Mr. Hugo vorzubereiten. Doch unmittelbar nach  seiner Ankunft bricht dieser zusammen und stirbt in Monsieur Martins Armen.

Martin, der nach 34jähriger Ehe Witwer ist,  denkt viel über sein Leben nach. Seine ihm unbekannte Herkunft beschäftigt ihn immer wieder.

Als er gerade die Schulreife erreicht hat, erzählen ihm seine Eltern, die damals eine Bäckerei in Paris haben, dass er nicht ihr leibliches Kind ist. Vielmehr hatte während des  2. Weltkrieges in Paris ein Fremder einer damals 17jährigen Frau eines Tages überstürzt ein jüdisches Baby in die Arme gelegt. Dieses Baby war Martin.

Nach dem Krieg  gehen seine Eltern mit ihm nach Amerika und bauen sich dort eine neue Existenz mit einer großen Geldsumme auf, die die Mutter für ihr heldenhaftes Verhalten während der Besatzungszeit in Paris erhalten hatte. Martins Mutter war diese Ehrung unangenehm gewesen, aber sie hatte sich nicht gegen die finanzielle Auszeichnung wehren können.

Martin liebt seine Adoptiveltern, die ihm Liebe, Geborgenheit und eine gute Bildung geben. Er bricht sein Studium ab, um bei ihnen in ihrer Bäckerei zu arbeiten. In seinem Herzen brennt seither der Wunsch, den Mann kennenzulernen, der ihn damals an eine ihm Fremde weggegeben  hat.

Neben Martin gibt es in diesem Roman weitere Protagonisten. Sie alle leben sehr unterschiedliche Leben in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten. Dennoch sind sie auf eine besondere Weise durch die Geschehnisse des 2. Weltkrieges oder durch Verwandtschaftsbeziehungen  verbunden.

Da geht es um den jungen, frisch verliebten  amerikanischen Soldaten John Bray, dessen B-24 Liberator  1944 in Nordfrankreich bei der Befreiung Europas durch die Alliierten  brennend abgeschossen wird. Schwer verletzt trifft er auf dem Schlachtfeld mit Mr. Hugo, dem einzigen weiteren Überlebenden des Angriffs zusammen. Dessen Herkunft bleibt nicht nur für ihn lange im Dunkeln. Für kurze bedrohliche Momente kommen sie einander sehr nahe, bevor sich ihre Wege wieder trennen.

Der Leser begegnet Mr. Hugo 2010 in Manchester. Ihn lässt Simon van Booy selbst zu Wort kommen, während alle anderen Charaktere durch den Autor in ihren wesentlichen Zügen vorgestellt werden. Von Mr. Hugo erfahren wir, wie er seine schweren Verletzungen überleben konnte und wie das Leben seinen eigenartigen Lauf genommen hatte. Er hatte schließlich als Hausmeister seinen Platz in der englischen Gesellschaft gefunden. Er wird es auch sein, der mehr als zufällig in den Armen des Hausmeister Monsieur Martin im entfernten Kalifornien  sein Leben aushauchen wird. Oder ist es gar eine Fügung des Schicksals?

Eine weitere starke Protagonistin ist Johns Enkelin Amelia. Die 27jährige ist blind und lebt im Jahre 2005 in New York Dort arbeitet sie in Manhattan im Museum of Modern Art. 2010, also im Todesjahr ihres Großvaters John, berichtet sie von ihrem Leben und dem ihres Großvaters, der es, nachdem er den Krieg überlebt hatte, zu beträchtlichem Vermögen gebracht hatte.

Die Sprache des Romans ist sehr unmittelbar. Man ist berührt und gefangen von Martins zum Teil sehr philosophischen Gedankengängen. Die verschiedenen Charaktere sind wunderbar gezeichnet. Bis kurz vor Ende des Romans fragt sich der Leser, was diese verschiedenen Personen verbinden mag.

 

Dem Roman von Simon van Booy liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Es gelingt ihm in teilweise poetischer, einfühlsamer  Sprache die grausamen Geschehnisse des Krieges und dessen Auswirkungen über die Zeit hinaus deutlich zu machen. Kriege hinterlassen Spuren, sichtbare und unauslöschbare. Dies spiegelt sich in besonderer Weise in den Schicksalen der beiden Kriegsveteranen John und Mr. Hugo wider. Mit Letzterem endet schließlich auch dieser lesenswerte Roman.