Amüsante Alltagsphilosophie

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Stephen Graham ist ein ulkiger Kauz, der im Wandern seine Religion gefunden hat, das wird klar, wenn er sich bei seinen poetischen Beschreibungen unberührter Natur hüten muss, nicht ins Schwulstige abzutreiben. Er ist so enthusiastisch, dass man sich selbst als Nicht-Wanderer fast bekehren lassen möchte.
Obwohl der Wegweiser schon 1926 erstveröffentlicht wurde, spricht Graham sich immer wieder für die Entschleunigung aus – überraschend, wenn man bedenkt, dass das Leben 1920 verglichen mit 2020 noch im Schneckentempo ablief.
„Junge Sportler“, schreibt Graham, „werden die weitesten Strecken zurücklegen, Liebespaare die kürzesten, wobei sie womöglich am längsten unterwegs sind. Ich neige dazu, Wanderungen nach der Zeit zu beurteilen, die man sich dafür nimmt, nicht nach der zurückgelegten Strecke“ und „Das Leben ist wie eine Straße: Man beeilt sich, und am Ende erwartet einen das Grab. Das Leben wird nicht etwa von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag, Jahr zu Jahr immer großartiger – sein Wert steckt im Augenblick, nicht im Langstreckenlauf“.
Wahre Worte und dennoch lässt sich Grahams Wegweiser nicht nur auf philosophische Überlegungen beschränken.
Eine Art leiser Humor zieht sich durch die Seiten und verleitet immer wieder zum Schmunzeln, ob nun aufgrund von Grahams Obsession mit seiner Kaffeekanne oder seiner Empfehlungen für junge Liebespaare. So empfiehlt Graham beispielsweise wärmstens, als Vorbereitung auf die Ehe eine Wandertour zu absolvieren, denn „Wenn Sie Ihre Liebste tragen müssen, dann werden Sie das vermutlich bis ans Ende Ihres Lebens tun müssen“.
Läuft die Wanderung allerdings gut, so mag es zu der folgenden Situation kommen: „Die Nacht ist dunkel, still und tief, und man hört zwei Herzen schlagen, während man in die Ferne und in die Höhe blickt und in der Luft undeutlich das Schlagen von Fledermausflügeln vernimmt. Die erste Nacht vergeht allerdings selten ohne einen Schrecken. Wenn die kalte feuchte Nase eines Igels die Wange Ihrer Liebsten berührt, zerreißt vielleicht ein Kreischen die Stille, und auch eine Feldmaus an ihrer Zehe wird kaum weniger Entsetzen auslösen. Am besten packen Sie sie in einen richtig geräumigen Schlafsack, der hält Nagetiere fern. Und sollten Sie nicht zu groß sein, können Sie vielleicht selbst mit hineinschlüpfen, falls die Dame sich als nervös erweist – und die Beschaffenheit Ihrer Freundschaft dies zulässt.“
Schade eigentlich, dass sich dieses Schlafen unter freiem Himmel heute vielerorts als schwierig erweisen dürfte.
Auch Grahams bevorzugte Wandertracht aus Knickerbocker-Hosen und Tweed-Hut ist zwar stilecht aber vielleicht aus heutiger Sicht nicht mehr die ideale Ausstattung. Andererseits erfreut sich der Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts dank Tweed Runs und Peaky Blinders an nie dagewesener Beliebtheit – vielleicht ist es an der Zeit, dass ein moderner Graham frischen Wind in unsere Softshell-geprägte Wanderkultur bringt.

Alles in allem ein nettes Buch für Zwischendurch, mit Sicherheit ein angenehmer Begleiter auf einer Wanderung, und wer weiß, vielleicht probiere ich beim nächsten Städteurlaub tatsächlich Grahams patentierten Zick-Zack Kurs aus.

Dennoch gibt es einen Wehmutstropfen: Die üppigen Fußnoten im Anhang nachzuschlagen entpuppt sich als Qual – leserfreundlicher wäre es gewesen, sie einfach am Ende der jeweiligen Seite einzufügen, oder sie zumindest durchgehend zu nummerieren, statt mit jedem Kapitel neu anzufangen. So bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als jedes Mal nachzublättern in welchem Kapitel er sich befindet, um dann die entsprechende Anmerkung zu finden – eine Prozedur die sich als nervig und zeitraubend entpuppt. Andererseits, wie war das nochmal mit der Entschleunigung?