Ein Sonntag in Wiederholungsschleife

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Von

Oliver Plaschka
Die Magier von Montparnasse

Roman, Klett-Cotta
Hardcover, 2010

427 Seiten, Euro 21,90
ISBN-13: 978-3-608-93874-6

Der Zauberkünstler Ravi hat vor den Augen seines Publikums echte Magie angewandt. Eine Ungeheuerlichkeit, die von der Société, einer Vereinigung, die über alle Magie wacht, bestraft werden muss. Im Hotel Jardin treffen Ravi und die Société aufeinander, um das Unerklärliche zu erklären. Unterdessen hält Paris ein ewiger Sonntag gefangen. Alle Uhren stehen still. Die Zeit hat ihren Atem angehalten.

Bedächtig und ruhig entführt Oliver Plaschka den Leser in ein atmosphärisches Paris in Wiederholungsschleife. Die Zeit steht still. Ein Sonntag folgt dem Nächsten. Tagein, tagaus erledigen die Menschen die gleichen Geschäfte – ohne es zu wissen. Was mag passiert sein? Ravi hat das Gesetz der Zauberer gebrochen: Vor aller Augen seines Publikums hat er Magie angewandt. Die Société hat ihre Vertreter entsandt, um den Vorfall zu klären. Oder steckt etwas noch völlig anderes dahinter?
Undurchschaubare Charaktere, Geheimniskrämereien derselbigen und Bugsierung der Handlung zugunsten für sich selbst. Doch das ist leichter getan, als gesagt, wenn die Ursache für den Zeitstillstand unbekannt ist. Und so muss sich der Leser selbst seinen Teil denken, Teile zusammenreimen und am Ende doch wieder umstellen. Denn ausnahmslos jeder trägt so manch Unausgesprochenes mit sich herum. Die Sprünge zwischen den einzelnen Figuren – übrigens alle aus der Ich-Perspektive geschrieben – tun ihr übriges, damit der Leser keinen Eindruck eines wahren Hauptprotagonisten finden kann. Warum auch, wenn selbst Figuren wie die scheinbar unwichtige Kellnerin Justine zu einem mehr als wichtigen Charakter avanciert.
Große Dinge können klein sein. Kleine Dinge können groß sein. Täuschungen sind unter Zauberern Alltag – und dennoch können sie immer wieder verblüffen und Überraschungen hervorrufen. Ein Apfel, der lange Zeit des Rätsels Mittelpunkt ist, mag zwar seine Rolle spielen; doch ein Detail am Rande mag manchmal eher die Auflösung sein. Fantastisch konstruiert, galant ineinander gesetzt und gekonnt aufgelöst – Oliver Plaschka legt einen Roman vor, der so schnell nicht vergessen werden kann.
Gerade seine bedächtige Art zu erzählen, hebt ihn aus den vielen Produkten der Masse hervor. Doch soll dies nicht heißen, dass Action nicht vorhanden ist. Eine Seancé und ein heraufbeschworenes Gewitter sind u.a. Meilensteine der Geschwindigkeit. Ja, ich bin sarkastisch, denn rasant ist das nicht, aber bestens erzählt. Geschwindigkeit braucht der Roman nämlich nicht. Er lebt durch die Atmosphäre, er lebt durch Plaschkas einmaligen Stil, er lebt durch sich selbst.
Ein düster furioses Finale schließt die Handlung schließlich ab und lässt den Leser zufrieden zurück sinken und noch eine ganze Weile über Zusammenhänge nachdenken. Der Roman endet erst, wenn der Leser es will, wenn der Leser für sich mit der Geschichte abgeschlossen hat.

  Ein ruhiger Roman. Ein bedächtiger Roman. Ein magisches Paris zwischen zwei Buchdeckeln. Würde man es ganz ernst nehmen, könnte man den Roman auf zehn Seiten verkürzen. Anfang und Ende. Doch zum Glück kann auch das Nichts, das Nichtgeschehene eine Fülle einnehmen, die den Leser Seite um Seite bannt. Wenn man ein Buch über Nichts schreibt, kann dennoch viel geschehen.