Wir sind Künstler!

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sagte einst Heinrich Schnitzler zu seinem Sohn Peter.

Jutta Jacobi begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist nicht nur eine Reise zu den Wurzeln der Familie Schnitzlers, sondern auch eine Reise in die "gute alte Zeit". Als Europa so war, wie wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Alles beginnt mit Johann Schnitzler, als er aus Liebeskummer beschließt seine Heimat zu verlassen und nach Wien zu gehen. Wien, die Hauptstadt des Habsburger Reiches, Ziel vieler die sich ein besseres Leben erhoffen. Johann Schnitzler wird es schaffen und seinen Nachfahren, allen voran Arthur, viel mitgeben. Der Leser begleitet die Familie auf ihrem stürmischen Weg durch die Zeit und erlebt die Schrecken und das Grauen zweier Weltkriege, Erfolge, Trauer und der Glaube an die Zukunft.

Dies war mein erstes Buch der Autorin und ehrlich gesagt auch das erste zum Thema Arthur Schnitzler. Der Name ist mir nicht unbekannt, man hat das ein oder andere mal mitbekommen, kennt das ein oder andere Bild, die ein oder andere Verfilmung seiner Werke. Gelesen habe ich bis jetzt aber keines, gehörte zumindest nicht zu meinen Schullektüren und danach... nun ja, es gibt so vieles zu Lesen. Zufällig bin ich nun an dieses Buch geraten und bin selbst erstaunt, wie sehr es mir gefallen hat.

Besonders der Einstieg mit der Urenkelin Guiliana und die Zeit ab den ersten Erfolgen Arthur Schnitzlers bis in die Gegenwart haben mir gefallen. Schwierig fand ich den Anfang um Johann Schnitzler. Zu Beginn fand ich den Werdegang interessant und habe ihn gerne gelesen, doch dann lies die Leselust ein wenig nach. Vielleicht lag es daran, dass mich seine Arzt-Karriere nicht sonderlich interessierte und ich auf Arthur und seinen Werdegang wartete und es sich für mich dann einfach ein wenig in die Länge zog. Doch ab dem Punkt, als Arthur in den Mittelpunkt der Erzählung trat, hatte mich die Autorin wieder auf ihrer Seite. Doch auch hier, gab es immer wieder Stellen, die mich irgendwie "nicht interessierten" - ich kann es nicht anders ausdrücken. Doch als die Familie aufgrund der politischen Ereignisse immer mehr in Bedrängnis geriet und dann fliehen musste, hatte das Buch etwas von einem Thriller. Es war sehr spannend, auch wenn ich bei diesen Worten denke, dass sie falsch sind. Aber mir fallen keine anderen ein. Gezittert habe ich mit den Familienmitglieder und gehofft, dass alles gut ausgehen mag. Schwer war die Zeit des Exils, doch das Leben geht weiter. Bis in die Gegenwart hinein. Es gibt sie noch, die Schnitzlers, und sie sind immer noch Künstler.

Insgesamt lies sich diese Reise in die Vergangenheit sehr gut und flüssig lesen. Die Erzählweise ist sehr angenehm und es kam mir so vor, als würde Frau Jacobi mir gegenüber sitzen und mir die Familiengeschichte einfach erzählen und mich mit zu ihren Besuchen an die Originalschauplätze oder zu den noch lebenden Nachfahren mitnehmen. Ein Buch, dass ein ruhiges Erzähltempo hat und sich nicht "einfach so runterlesen lässt". Denn dafür erfährt man zu viel, man muss auch mal eine Pause machen und über das gelesene nachdenken, vielleicht im Internet mal nach einem Bild suchen um auch mit eigenen Augen die Orte sehen zu können.

Zur Gestaltung des Buches kann ich sagen, dass es ungefähr in der Mitte einen 12seitigen Bildteil gibt. Das finde ich sehr gut, allerdings muss ich sagen, dass mich das immer ein wenig stört, wenn die Bilder nicht näher an der dazugehörigen Textstelle sind. Ich kann verstehen, dass so die Produktionskosten vermutlich niedriger sind. Aber ich hätte sie doch näher am Text, denn eigentlich lese ich das Buch ja Seite für Seite und gucke nicht erst hinten. Woher soll ich wissen, ob das Bild, dass ich gerne hätte, auch drin ist? Aber das Problem habe ich oft bei Sachbüchern. Dazu kommt immer, dass ich der Meinung bin, es sind zu wenige! Wie gerne hätte ich mal das Wohnhaus in Wien gesehen oder das Grab oder auch das Krankenhaus oder Arthur Schnitzler auf dem Fahrrad (wobei ich anmerken möchte, dass ein Fahrrad-Führerschein vielleicht heute auch eine ganz sinnvolle Einführung wäre). Aber da bin ich wohl einfach zu unersättlich. Das Buch will und soll ja kein Bildband sein. Aber neugierig bin ich dann trotzdem.
Im Anhang des Buches gibt es, für mich auf den ersten Blick, ausführliches Quellen- und Litereaturverzeichnis. Ergänzend dazu auch ein Personenverzeichnis um die Suche nach bestimmten Personen zu vereinfachen.

Ein interessante Reise in die Vergangenheit. Man erfährt nicht nur viel über die Familie Schnitzler, sondern auch über das (jüdische) Leben einer Mittelklasse-Familie in Wien, über Wien an sich und über eine Familie auf der Flucht und im Exil. So rückt einem die damalige Zeit und ihre Umwälzungen näher. Die Werke an sich, ihre Enstehungsgeschichte und die Arbeit daran, rücken hier in den Hintergrund. Die Menschen dafür in den Vordergrund.