Trotz der Kritikpunkte eine interessante Lektüre

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Mein Leseeindruck zur Leseprobe vom 19. März '17:

Das Cover weckt direkt das Gefühl von Sommer. Fast spüre ich den Nordsee-Wind auf meiner Haut, in meinem Haar und kann die salzige Meeresluft riechen. Doch das erste Kapitel spielt in Hamburg und Dr. Thordis Südermann wird gerade zur Stationsärztin befördert. Sie hat mit Norderney abgeschlossen und kommt gerade über ihren Ex hinweg. Ein Neuzugang weckt ihr Interesse, ganz untypisch für sie entwickelt Thordis Gefühle für ihren Patienten. Und dann ... geht es im zweiten Kapitel Jahre später auf Norderney weiter.

Nun bleibt natürlich die Frage, wieso sie zurückgekehrt ist? Wir Leser erhalten einen kurzen Einblick und schnell wird deutlich: Diese Frau ist geradezu vom Unglück verfolgt. Aber sie ist stark und umgeben von Menschen, die sie lieben und ihr Kraft geben. Sie hat noch ihre Eltern und arbeitet nun mit ihrer besten Freundin zusammen. Doch können die Wunden irgendwann heilen?

Was ist damals zwischen ihr und Boie passiert? Wir werden es erfahren und vermutlich vergibt sie ihm - was auch immer. Ich bin gespannt auf das erste Zusammentreffen der beiden nach so langer Zeit.

Wie kam es dazu, dass sie in Hamburg Ayaz geheiratet hat und wo hat er ihren Sohn versteckt? Wird Thordis ihr Kind finden und zurück nach Deutschland holen können?

In jedem Fall ist das hier harter Tobak und die wenigen Seiten der Leseprobe reichen nicht aus, um die Geschichte richtig einzuordnen. Ich weiß noch nicht, ob es eher ein Drama mit vielen Tränen wird oder die Liebesgeschichte im Vordergrund steht. Darf das Herz von Thordis heilen? Und wenn ja, wie tief wird sie vorher noch fallen?

Die Leseprobe hat mein Interesse geweckt. Auch der Schreibstil gefällt mir, liest sich flüssig. Daher gibt es 4 Punkte, die es im weiteren Verlauf der Geschichte zu verteidigen gilt - oder vielleicht werde ich auch überrascht. Vielleicht steigert sich der Roman sogar auf 5 Punkte. Wir werden sehen.


Meine Gesamt-Einschätzung:

Inselgefühl und gequälte Seelen, das sind die Kernpunkte dieser Geschichte von Anni Deckner. Es ist eine interessante Erzählung, richtig emotional wird es jedoch nicht - das heißt, die Protagonisten im Roman sind natürlich sehr emotional. Nur leider haben es die Gefühle nicht geschafft, auf mich als Leserin überzugehen.

Die Erzählstimme berichtet meist von Thordis, wechselt jedoch auch zu Sonja und Boie. Es gibt viele Zeitsprünge und Rückblenden, viel zu selten spielt die Handlung im Hier und Jetzt. Das hat zur Folge, dass keine richtige Verbundenheit mit Thordis und ihrem Kummer aufgebaut werden kann. Kaum hatte ich mich an eine Situation gewöhnt, wurde sie abrupt beendet, ich herausgerissen und zu einer ganz anderen Zeit wieder in die Geschichte hineingeworfen. Das ist sehr schade, denn die meisten Rückblenden hätte es nicht gebraucht. Gerne wäre ich tiefer in Thordis' aktuelle Gedanken und Gefühle abgetaucht und hätte so die Geschichte rund um ihre Vergangenheit mit Boie aufgedeckt. Dazu muss ich nicht in die Vergangenheit reisen. Schon gar nicht, wenn das effektiv nichts zur Geschichte beiträgt, sie nicht vorantreibt.

Thordis' Gefühlswelt wird uns von außen geschildert, wenn überhaupt. Ich verstehe, warum die Autorin diese Perspektive gewählt hat. Bei einer Ich-Erzählung wären wir Leser vermutlich von Schmerz und Trauer überrollt worden. So aber gingen mir die Schilderungen nicht tief genug. Sicher, rein logisch ist mir klar, wie es Thordis ergeht. Ich hätte es nur sehr gerne auch gefühlt und das ist die große Schwäche des Romans: Die Gefühle des Lesers bleiben auf der Strecke.

Davon abgesehen konnte ich der Thematik gut folgen. Ich liebe Thordis' Umgang mit ihren Patienten, die herrliche Stimmung der Insel und die offene, aber etwas sture Art ihrer Bewohner. Die Problematik der Kindesentführung durch den eigenen Ex-Partner ist gut in Szene gesetzt und regt zum Nachdenken an. Thordis' Erlebnisse in der Türkei zeigen ein unschönes Bild dieses Landes, fernab der Urlaubsidylle. Auch die Tatsache, dass niemand eine solche Last alleine tragen sollte und der Mut, sich anderen anzuvertrauen, belohnt wird, ist klar herausgearbeitet.

Ein wenig gestört hat mich das schlampige Korrektorat. Oft lassen sich die Anführungszeichen am Ende der wörtlichen Rede vermissen, dann wieder fehlt irgendwo ein Wort oder die Grammatik stimmt nicht. Bei einem Verlagstitel sollte so etwas nicht passieren.

Insgesamt ist "Die Sehnsucht der Inselärztin" ein Buch, das nachdenklich stimmt. Es weckt den Wunsch nach einem Spaziergang am Deich, zeigt die Schönheit der Nordsee in all ihrer Pracht. Nur die emotionale Verbindung zu den Protagonisten ist nicht gelungen. Das ist schade, ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich den Roman unbedingt bis zum Ende lesen wollte, um alle Fragen zu klären. Am Schluss wartet ein Happy End. Etwas unrealistisch, zu harmonisch, zu glattgebügelt, aber na ja, ein Happy End nach Lehrbuch eben.

Fazit:
Wer eine nachdenkliche Geschichte über Mutterliebe und Trennungsschmerz lesen möchte, wer zusehen will, wie kaputte Beziehungen wieder gekittet werden, der darf hier gerne zugreifen. Das Nordseethema ist wunderschön aufgegriffen, nur die Gefühlsebene wird beim Lesen nicht spürbar. Für mich war es trotz der Kritikpunkte eine interessante Lektüre.


Wertung: 3,5 Punkte