Eine Salomé ihrer Zeit auf der Suche nach der wahren Lebensfreude

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Ihre Intelligenz wurde ihr zum Verhängnis, ihre Beziehungen zu Männern zur Gefahr, ihre Amoralität und ihr Wissen um die weibliche Verführungskunst zur Waffe gegen sie, dabei bestand ihr einziges Verbrechen darin frei und unabhängig zu sein.

Die Rede ist von Mata Hari, was so viel bedeutet wie „Auge des Tages“. Sie war eine exotische Nackttänzerin, exzentrische Künstlerin, Geliebte zahlreicher einflussreicher Männer und mutmaßliche Doppelagentin. Am 25. Juli 1917 wurde sie wegen Hochverrats von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt.

Mata Haris abenteuerliches Leben und ihr tragisches Ende stehen bis heute im Mittelpunkt zahlreicher Romane und Filme. 2017 jährt sich ihr Todestag zum 100-sten Male.

Mit „Die Spionin“ hat Paolo Coelho dieser geheimnisumwobenen Frau ein weiteres literarisches Denkmal gesetzt.

Coelhos Geschichte beginnt mit ihrem Ende: Am 15. Oktober 1917 wurde Mata Hari in den frühen Morgenstunden in Vincennes Paris hingerichtet.
„Mata Hari wurden weder die Auge verbunden, noch wurde sie gefesselt.“ (S. 15) Mutig sah sie ihrem Tod entgegen. Auf eigenen Wunsch wohlgemerkt. Doch wer war diese Frau, die hier in den frühen Morgenstunden den Tod fand? Wer war die Frau hinter der Fassade der Weltberühmten Schleiertänzerin, Edeldirne und mutmaßlichen Doppelagentin H21?

Nur wenig ist über sie tatsächlich bekannt.
Die unklare Quellenlage ist zum einen sicherlich auf sie selbst zurückzuführen, auf die von ihr zahlreich erfundenen Geschichten, mit denen sie Fakten ihres Lebens zu verändern suchte, zu beschönigen und ihre Person interessanter zu machen und zum anderen auf ihre zahlreichen Biographen, die umstrittene Anekdoten, Geschichten, Legenden als Tatsachen verkauften und so sicherlich zur Verschleierung ihrer wahren Geschichte wesentlich mit beitrugen. Ergebnis: Der Mythos Mata Hari.
Ihre wahre Geschichte wird wohl für alle Zeiten im Dunkeln bleiben.

Sicherlich kein einfaches Unterfangen, über eine solch berühmte Frau zu schreiben, über die dennoch so wenig bekannt ist, andererseits dürfte dies für einen Schriftsteller auch den Reiz darstellen, eröffnet doch gerade der Mangel an Fakten Raum für Interpretationen. Und so nähert sich denn auch Coelho seiner Version der Mata Hari unmittelbar, lässt sie selbst in einem einzigen langen Brief an ihren Verteidiger ihre Geschichte erzählen. Noch hofft seine Mata Hari in ihrer Zelle auf Begnadigung, nur wir, die Leser, wissen, dass diese Hoffnung vergebens sein wird und so schreibt sie, offen, ehrlich, direkt, immer noch in der Annahme, dass der Brief, der nur im Falle ihres Todes den Adressaten erreichen wird, nie ausgehändigt werden muss und lässt dabei die selbstgewählte Maske fallen, Hülle für Hülle, Schleier für Schleier, bis sie schließlich vor uns steht Coelhos Mata Hari.

Selbstbewusst ist sie. Zielstrebig. Eigensinnig. Sie liebte die Abwechslung, das Drama, den großen Auftritt und das Abenteuer.

Schnell wird einem klar, was Coelho so an dieser Frauengestalt fasziniert: Sind doch auch seine fiktiven Protagonistinnen stets mutig und kämpferisch. Und auch Mata Hari führt einen lebenslangen Kampf, um einen Platz in einer von Männern dominierten Welt. Einen Kampf, den sie am Ende verlieren wird. Eine Frau, auf der Suche nach der wahren Lebensfreude, dem Sinn des Lebens - „La vraie vie“, wie der Franzose sagt. Eine Frau, gefangen in den engen Maschen gesellschaftlicher Normen, Konventionen, Regeln. Eine Frau, die sich mit ihren ganzen Lügen aber auch selbst das Netz immer enger baut, bis es kein Entkommen mehr gibt. Eine Frau, die sich weigert sich zu verlieben und am Ende dennoch für die Liebe stirbt. Ähnlich wie Oscar Wildes Salomé.

„Aber die Liebe gehorcht niemanden und verrät jene, die ihr Geheimnis aufdecken wollen.“ (S. 165)

Mit „Die Spionin“ ging es Coelho sicherlich nicht darum, eine weitere Biographie Mata Haris zu schreiben. Ihm ging es um die Frau an sich, die Person hinter dem Mythos. Und so rafft er an so mancher Stelle ihre Geschichte, legt gezielt sein Augenmerk auf wenige entscheidende Momente ihres Lebens. Natürlich hält er sich an die wenigen bekannten Fakten und füllt die Lücken mit Fiktion, dennoch möchte und kann der Roman eines nicht sein, ein Lebensbericht. Zu wenig weiß man über die wahre Mata Hari, zu wenig verlässliche Quellen existieren und mit der Wahl der Briefform setzt sich der Autor selbst enge Grenzen. Grenzen, die er jedoch gekonnt zu öffnen weiß, indem er den Verteidiger seinerseits im Anschluss einen Brief an Mata Hari schreiben lässt, datiert einen Tag vor ihrem Tod. Geschickt verpackt er darin die wenigen Tatsachen, die aus den Akten bekannt sind und ermöglicht uns so die Person Mata Hari aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Von innen und von außen.
Entstanden ist ein intimes „Porträt einer klugen, verführerischen Frau, die den männlichen Moralvorstellungen zum Trotz ihr selbstbestimmtes Leben führte – bis zuletzt.“ Wie es auf der Umschlaginnenseite so treffend heißt.

Ein fesselndes Buch, absolut süffig zu lesen. Ein Buch, das einem eine faszinierende Frau wieder in Erinnerung ruft. Seit längerem wieder ein Coelho, der mich so richtig zu überzeugen vermochte.