Zerrissenheit - auch beim Leser!

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brigitte1987 Avatar

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Es gibt Leser, die behaupten die ersten Seiten wären entscheidend. Wenn es danach ginge, dann wäre Kamila Shamsies Die Straße der Geschichtenerzähler ein absoluter Volltreffer, auch wenn das Cover wenig ansprechend ist und aussieht wie das meiner Grundschulbibel!
Der Leseeindruck hatte mich sofort angefixt… Sprachlich toll, der Lesefluss wird sogar typographisch betont, mit unglaublich viel Fachwissen unterfüttert, interessante Charaktere. Auch die Themen Liebe und Verrat, Unterdrückung und Freiheitsstreben – so schreibt zumindest der RBB Inforadio – geben in Zeiten des Ersten Weltkrieges eigentlich unglaublich viel her.
Nichtsdestotrotz habe ich nach etwa zweihundert Seiten aufgegeben. Vielleicht war es ein Fehler, aber ich konnte mich in keine der Figuren wirklich einfühlen. Jede einzelne blieb mir ein undurchsichtiges Rätsel, sei es jetzt Viv, die Archäologin und folgsame Tochter, die gerne die weltentdeckt, ihrem Vater den nie geborenen Sohn ersetzt und gleichzeitig die große Liebe sucht (die sie dann sofort wieder verrät), oder Qayyum, der einäugige Ex-Soldat, der auch nicht so genau weiß, was er will und planlos herumstreunert , um nur zwei zu nennen.
Auch hielt Kamila Shamsie ihr sprachlich-stilistisches Versprechen der ersten Seiten nicht lange durch. Die ungewöhnliche Zeichensetzung in wörtlichen Reden erschwerte den Lesefluss immens.
Ebenso wie das wuste Kumulat an Fachwissen, teilweise unreflektiert widergegeben, recht nervtötend war. Mir persönlich war es auch ehrlicherweise deshalb zu viel, weil ich vermutlich alle zwei Seiten einen neuen Aufsatz oder Lexikon-Eintrag hätte durchackern müssen, um überhaupt zu verstehen um was es da geht. Ich lerne ja grundsätzlich gerne dazu und arbeite mich auch in ein Thema ein, aber hier war es einfach zu viel und ich bin nicht geneigt jemandes Bauch zu pinseln und zu schreiben, Shamsie fordere ihre Leser…
Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Autorin wirklich dazu geneigt ist, den Völkermord an den Armeniern herunter zu spielen oder gar zu leugnen, aber auch über diese Stelle bin ich kurz gestolpert: „(…) klangen die Berichte über das Schicksal der Armenier immer dramatischer. „ARMENIER ZUM STERBEN IN DIE WÜSTE GESCHICKT, lautete eine Schlagzeile, NEUE ARMENIER-GREUEL eine andere. Ob die Leute aus der Propagandaabteilung nicht langsam ein wenig zu dick auftrugen?“ Möglicherweise habe ich aber auch einfach nur die Auflösung verpasst, da ich nicht zu Ende gelesen habe.
Ich habe nun ein paar Tage darüber nachgedacht, was genau es ist, dass mir den Zugang verwehrt. Ich würde behaupten, es ist dieses undurchsichtige Hin und Her, sowohl der Handlung als auch der Figuren. Es mag sein, dass die Autorin genau dies im Sinn hatte – die Zerrissenheit dieser Kriegsgeneration zu transportieren. Nur leider steht diese Zerrissenheit so sehr im Vordergrund, dass mir jegliches Mitgefühl oder Nachempfinden verwehrt bleibt und ich dadurch keine Verbindung zu den Figuren aufbauen kann. Schade, denn die Story hätte viel Potential!