Ein Muss für jeden Krimileser

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isegrimm Avatar

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Ganz sicher war May Lynn das schönste Mädchen, das Sue Ellen je gesehen hat. Da war sie aber auch in einem anderen Zustand. Nun wird sie als Wasserleiche aus dem Fluss gefischt und keiner der Erwachsenen gibt auch nur einen feuchten Kehricht darum. Also beschließen Sue Ellen und ihre Freunde, May Lynns Traum zu erfüllen und sie nach Hollywood zu bringen. Als sie dann auch noch Geld aus einem Banküberfall finden, geht der Ärger erst richtig los.

Wie macht Lansdale das nur? Wer den Klappentext des Buchs liest, ahnt kaum, welch großartig geschriebenes Buch auch ihn wartet.
Welches Bild er da von Texas in den 30er Jahren zeichnet, dass hat wohl nicht mal jemand erwartet, der seine Bücher kennt. Er präsentiert dem Leser eine Geschichte, die es geradezu unmöglich macht, das Buch wegzulegen. Drastische Beschreibungen, unerwartete Wendungen fesseln einen an die Geschichte und machen das Buch zu einem ungewöhnlichen Lesevergnügen.

Sue Ellen wächst an einem Ort auf, der nahe an der Hölle sein muss. Männer schlagen ihre Frauen täglich, damit klar ist, wer der Herr im Haus ist, Rassismus ist an der Tagesordnung und das Gesetz ist korrupt. Schon kleine Andeutungen seitens des Autors reichen aus, damit deutlich wird, welches Schicksal Sue Ellen droht. Wenn sie nachts ein Holzscheit neben ihr Bett legt, weil sie ihren Vater fürchtet, dann muss er deutlicher nicht werden.
Kein Wunder, dass sie einerseits viel erwachsener ist, als man es ihr mit ihren 16 Jahren zutrauen würde, andererseits aber nichts von der Welt weiß. So etwas wie Schulbildung hat sie nicht abbekommen und so ist sie auf sehr naive Art abgebrüht.
Was Lansdale sich da ausgedacht hat, ist schon große Klasse. Dialoge sind von je her seine Stärke und hier hat er sich selbst übertroffen. Die Gespräche in „Dunkle Gewässer“ sind so trocken und krass, dass es einem die Spucke verschlägt.
Die Figuren sind lebendig und so schräg, dass einem jede einzelne im Gedächtnis bleibt und seine Sprache so plastisch, dass man die Situationen förmlich vor Augen hat. Nicht immer will man das. Also, so eine Wasserleiche, die vergisst man nicht so schnell. Auch die lakonische Art, wie die Personen beschrieben werden, ist bemerkenswert. Am besten gefiel mir: „Er roch wie ein offenes Grab.“
Da bleiben keine Fragen offen.
„Dunkle Gewässer“ bestätigt mich in meiner Meinung. Joe Lansdale ist hierzulande sträflich unterbewertet. Zugegeben, er ist kein Autor für zarte Gemüter. Aber er ist herausragend und ich würde ihm jeden meiner Freunde uneingeschränkt empfehlen.