Spannendes Südstaatenabenteuer

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Osttexas zur Zeit der Großen Depression in den 30er Jahren. Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Sue Ellen bricht gemeinsam mit ihrer alkoholkranken Mutter Helen, dem homosexuellen Terry und der Farbigen Jinx nach Hollywood auf, um dort die Asche der ermordeten May Lynn zu verstreuen. Die befreundeten Teenager tragen außerdem einen Haufen Geld bei sich, der aus einem Bankraub stammt und den nicht nur May Lynns Vater Cletus in die Finger bekommen möchte. Abgesehen von ihm haben die Flüchtigen bald auch noch den gedungenen Mörder Skunk am Hals, was schreckliche Folgen für einige Beteiligte hat…

Der Krimi "Dunkle Gewässer" war für mich ein Erlebnis positivster Art. Obwohl ich finde, dass die Geschichte nicht zu 100 Prozent in die Sparte "Kriminalliteratur" passt. Sie ist ebenso eine dramatische Erzählung längst vergangener Zeiten, deren gesellschaftliche Kernaussagen zum Teil heute noch aktuell sind. So ist Lansdales Buch mit seiner sehr plastischen und authentischen Darstellung von Rassismus, Lynchjustiz, Armut, Alkoholismus, tumber Kleingeistigkeit, unreflektierter Bigotterie, familiärer Gewalt und Hass auf Homosexuelle auch stark gesellschaftskritisch motiviert.

Schon mehrfach habe ich gelesen, dass Joe Lansdale in der Tradition großer amerikanischer Erzähler wie Mark Twain und William Faulkner schreiben würde und stimme diesem Vergleich zu. "Dunkle Gewässer" erinnert von der Figurenkonstellation her eindeutig an die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, während die drückende und mit negativen Gefühlen aufgeladene Südstaatenatmosphäre an Faulkner denken lässt. Dennoch hat Lansdale einen ganz eigenen Stil mit einer gut durchdachten Geschichte und interessanten, realistisch wirkenden Figuren entwickelt. Die coole Sue Ellen, der einfühlsame und intelligente Terry sowie die freche, aufbrausende Jinx sind mir schnell ans Herz gewachsen. Dagegen war ich von Constable Sy und Konsorten total angewidert, und der irre Skunk hat mir wirklich Angst gemacht.

Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, so flott, originell und amüsant ist es geschrieben. An einigen Stellen musste ich lauthals lachen, weil der Autor einen ausgeprägten Sinn für sarkastischen und makabren Humor hat. Andere Passagen sind wiederum sehr brutal und grausam. Während dieser Schockmomente konnte ich mir gut vorstellen, dass Joe Lansdale auch schon Horrorgeschichten verfasst hat. Die Spannung lässt jedenfalls zu keiner Zeit nach, obwohl die Handlung dem Leser und den Figuren zwischendurch auch mal kleine Ruhepausen gönnt.

Hollywood kommt in der Geschichte übrigens nur am Rande vor und dient mehr als Aufhänger für die ungewöhnlichen Abenteuer, die die vier Ausreißer auf dem Weg dorthin erleben. Als Transportmittel der ersten Wahl muss ein Floß herhalten, was dazu führt, dass der düstere Sabine River eine nicht unbeträchtliche Rolle in dem Geschehen einnimmt. Wie in dem Film "Fluss ohne Wiederkehr" mit Robert Mitchum, wobei die Ähnlichkeit aber tatsächlich nur in der gefährlichen Floßfahrt und den unliebsamen Überraschungen am Ufer besteht.

Neben der Anprangerung gesellschaftlicher Missstände und ihrer Ursachen geht es in dem Buch auch um die Hervorhebung positiver Werte, wie loyaler Freundschaft, Mitgefühl, Tapferkeit, Durchhaltevermögen, Hilfsbereitschaft und der Fähigkeit zu vergeben. Daneben wirkt die abgestumpfte Unmenschlichkeit einiger Figuren umso erschreckender. Für mich ist "Dunkle Gewässer" eine klassische Abenteuergeschichte, die Joe R. Lansdale mit modernen Mitteln spannend, schräg und unterhaltsam erzählt hat. Ein wirklich lesenswertes Buch!