Eine wundervoll erzählte Geschichte

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fireez Avatar

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"Ein Jahr voller Wunder" ... das klingt nach einem Buch voller Hoffnung und wundersamer Begegnungen. Mit den Menschen scheint es zu Ende zu gehen und sie entdecken ganz neu, was wirklich wichtig ist. Oder nicht? Zumindest habe ich das erwartet, aber eigentlich ist die Geschichte ziemlich frei von Wundern oder wundersamen Wendungen. Ganz im Gegenteil: Das eventuelle Ende der Welt wird so dargestellt, wie es wirklichkeitsgetreuer für mich kaum sein könnte. Und gleichzeitig doch so gefühlvoll, dass ich die Geschichte schon bald als Tatsachenbericht hingenommen habe (ja, ok ... fast jedenfalls).

Die Geschichte wird aus Julias Sicht erzählt, die zum Zeitpunkt der einsetzenden Verlangsamung fast 12 Jahre alt war. Sicht- und Erzählweise sind aber alles andere als kindlich, denn es ist eine viel ältere Julia, die von der Zeit damals in einer Art Rückblick berichtet. Es ist ein interessanter Altersmix, der vielleicht auch ein wenig den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht. Im Grunde wird ein Teil ihrer Kindheit erzählt, mit all den schwierigen Beziehungen, die das Alter so mit sich bringt. Die Erdverlangsamung gibt dem Ganzen aber einen besonderen Rahmen, der die Geschichte absolut einzigartig macht und ihr auch immer wieder ganz besondere Aufhänger gibt.

Gleichzeitig wird aber auch erzählt, wie sich der drohende Weltuntergang auf die Menschen auswirkt. Die Erde dreht sich immer langsamer und irgendwann dauern einzelne Tageslichtphasen 48 Stunden und länger. Die schleichende Bedrohung versetzt die Menschen aber nur phasenweise in Panik. Es herrscht ständig eine untergründige Unsicherheit und doch muss das Leben vorerst irgendwie weitergehen. Denn niemand weiß, wo das alles hinführt und so versuchen alle sich bestmöglich anzupassen.

Es herrscht durchweg eine seltsame Stimmung, die sich aus dem Fortsetzen des Lebens und dem gleichzeitigen Zerfall der Umgebung zusammensetzt. Wunder wären für mich geschehen, wenn die Menschen dadurch mehr zusammengerückt wären oder Ähnliches. Aber nichts derartiges geschieht. Ich weiß bis zum Ende nicht, wo die angepriesenen Wunder versteckt sein sollten, aber mal abgesehen von dem Titelmanko habe ich das Buch sehr genossen. Der klare Schreibstil der Autorin versteht es auf eine ganz eigene Weise, den Leser zu berühren und vielleicht ist ja gerade das ein kleines Wunder.