Denn scheinbar ewig wiegt die Schwere...

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Als Hardcover mit blauem Einband und mit einer Anzahl von 415 Seiten kommt Silvia Avallones „Sommer aus Stahl“ daher. Ein farbiger Umschlag stellt zwei junge Frauen dar, die sich am Strand aufhalten. Im Hintergrund ist – in tristen Tönen gehalten – eine Fabrik sichtbar. Cover sowie Titel lassen bei dem vorliegenden Roman bereits erahnen, dass sich bei Silvia Avallones „Ein Sommer aus Stahl“ etwas in diese Jahreszeit mischt, das so gar nicht zum Bild eines unbeschwerten, himmelblauen, warmen Sommertages zu passen scheint.

 

Die Handlung dreht sich um die befreundeten, zunächst 13-jährigen, Mädchen Anna und Francesca, die aus ihren Kinderschuhen herauswachsen und sich dem Kampf um Hoffnung stellen. Ihr Leben verläuft grau und erweckt den Eindruck, als würde weder ihnen noch den Personen in ihrem Beziehungsgeflecht die Möglichkeit gegeben sein, von ihren trostlosen - scheinbar vorgezeichneten - Lebenswegen abzuschweifen. Doch als wäre dieser Kampf noch nicht schwer genug, durchläuft die Beziehung der Mädchen zueinander unterschiedlich starke Engen und Weiten, die sie vor weitere Krisensituation stellen.

 

Avallones Art das Leben der Freundinnen Anna und Francesca in der Via Stalingrado zu beschreiben zeugt von der Kunst, Atmosphäre zu schaffen, die mich als Leser die sengende Hitze der Sommertage und den Meeresgeruch beim Lesen auf eine Weise nachempfinden lässt, die fast schon den Anschein vermittelt, als wäre ich direkt ins Geschehen eingetaucht. Besonders bemerkenswert fand ich dabei, dass ich zwar ständig das Gefühl der - aus der Situation der Charaktere entstehenden – Schwere empfand, dies mir jedoch das Weiterlesen dennoch nicht erschwerte. Meiner Ansicht nach gelingt es der Autorin etwas Alltägliches, nämlich das Leben in der Via Stalingrado, auf eine sinnanregende Weise zu beschreiben, die etwas Besonderes daraus entstehen lässt.

 

Auf detailreiche Art gewährt Avallone Einblick in die Gedanken und Gefühle der heranwachsenden Mädchen, von denen man das Gefühl bekommt, als dass sie viel zu schnell erwachsen werden müssen, um sich den Gegebenheiten des Settings, in dem sie leben, anzupassen. Ein Aspekt, der dabei immer wieder aufgegriffen wird, ist ihre reifende Sexualität. An einigen Stellen erscheinen die diesbezüglichen Beschreibungen mir nahezu zu unverblümt. Doch es ist genau dieses eingehende Thematisieren von Tabus, das auf wirkungsvolle Weise veranschaulicht, wie das Leben der Menschen in der Via Stalingrado beeinflusst wird.

 

Im Buch vertreten ist eine Vielzahl von Charakteren (Familienmitglieder, Freunde, …), die Anna und Francesca begleiten. Es gelingt der Autorin, dem Leser neben einem Einblick in das Seelenleben der Mädchen auch eine äußerst gut geschilderte Innensicht der wichtigsten Nebencharaktere zu geben, so dass auch diese einen gewissen Vertrautheitsstatus erreichen, der es ermöglicht mit ihnen zu fühlen.

 

An einigen Stellen stolperte ich zunächst über verwendete Schachtelsätze. Darüber hinaus empfand ich das Buch jedoch als flüssig zu lesen. Auffällig ist die Wortwahl, die teils als wohl etwas sehr unfein beschrieben werden könnte. Dies passt jedoch gut in das Bild, dass Avallone mit ihrem Roman zeichnet. Hier muss sich vor Augen gehalten werden, dass diese Sprache – sei es in der direkten oder indirekten Rede, oder auch in den Gedanken der Charaktere dem sozialen Milieu, das in „Ein Sommer aus Stahl“ zum Tragen kommt, entspringt.

 

Ich habe mich gefragt, ob ich dieses Buch wirklich mit 5 von 5 Sternen bewerten möchte, da mir persönlich einige Geschehnisse ziemlich ans Herz gingen und mich aufwühlten. Ich denke dabei besonders an das Kapitel 38. Dennoch fasziniert mich „Ein Sommer aus Stahl“ als Gesamtwerk so sehr, dass ich trotz aller weniger schönen aufgeworfenen Emotionen, trotz der dargestellten Tristheit, der Reihe an Tabus und der teils herben Wortwahl, nicht anders kann als diesem Buch die höchstmögliche Bewertung zukommen zu lassen. Denn alles das, was auf den ersten Blick wirkt, als ließe es mich Abstand gewinnen, macht letztlich doch genau den Charakter und die starke Wirkung dieses Romans aus.