Eine Frage der Höflichkeit

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kalle theodor Avatar

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Eine Frage der Höflichkeit, Amor Towles

„Das ist eine Geschichte wie der Grand Canyon. Eine Meile tief und zwei Meilen breit“ sagt Bitsy auf Seite 302, als sie die Geschichte dieses Buches aus Kates Mund in Kurzform hört. Der Leser bekommt die Langfassung zu lesen und die ist noch tiefer und breiter.

Kate besucht mit ihrem Mann 1966 eine Kunstausstellung und entdeckt auf einem ausgestellten Foto ihre Jugendliebe Theodore „Tinker“ Grey. An ihn erinnert, lässt sie in einer Rückblende die 1930ger Jahre in New York Revue passieren. Fast könnte man sagen „es passiert nicht viel“ in diesem Buch. Ein Stück eines Lebens wird erzählt, verwoben in die Leben anderer Menschen. Eine Dreiecksgeschichte, die Geschichte einer nie erfüllten Liebe und das Gefühl einer besonderen Zeit und einer aufregenden Stadt. Zwei junge Frauen einfacher Herkunft treffen den jungen charismatischen Mann aus der High Society und erleben auf ihrem Weg immer wieder, dass nicht alles ist, was es zu sein scheint. Hinter jedem beschriebenen Charakter wartet hier auf den Leser eine neue Geschichte und man begleitet Kate, wie sie ihren eigenen Weg findet. Ziemlich schnell wird klar, dass es nicht der Wunsch nach oberflächigem Reichtum ist, der sie voranbringt. 

„110 Regeln der Höflichkeit und des angemessenen Benehmens in Gesellschaft und Konversation“, eine Quintessenz aus einem jesuitischen Erziehungsbuches des 16. Jahrhunderts sind anscheinend Tinkers Leitfaden durch das gesellschaftliche Fahrwasser der urbanen Welt. Ist er ein Blender? Besteht das Leben nur aus schönem Schein?

Das klingt langweilig, ist es aber nicht. Als Leser kann man die Worte einfach auf sich wirken lassen und sich auf einen Ausflug in Kates Leben freuen. Gehört einem das Buch, empfiehlt sich ein Bleistift, um tolle zitierfähige Sätze anzustreichen. Gehört es einem nicht, sollte man es verleihen, damit noch mehr Leser in den Genuss dieses Buches kommen können.

Ohne in Worte fassen zu können, WAS es nun ist, das an diesem Buch fasziniert, empfehle ich es für ein langes gemütliches störungsfreies gerne Wochenende weiter.