Tolles Buch!

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yasemine Avatar

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Kristine Bilkaus „Eine Liebe, in Gedanken“ konnte ich leider nur sehr langsam lesen. Es ist exzellent geschrieben und man spürt wirklich die Geschichte dieser Menschen – der Tochter, der Mutter und ihrer nächsten.

Gerade dieser Authentizität ist mein Lesen mit Unterbrechungen geschuldet. Immer wieder musste ich es für eine Weile, für ein paar Monate zur Seite legen. Zu viele eigene Erkenntnisse, Wunden und die Verletzlichkeit des gemeinsamen Seins, all die Vergänglichkeit der Generationen, taten sich in mir auf, als dass ich das Buch einfach so in einem durch hätte lesen können und wollen.

Das Fingerspitzengefühl, mit dem Bilkau die Dramatik der unerfüllten Liebe dieser jungen und mutigen Frau (Toni) beschreibt, ist zum Ende des Buches hin am imposantesten und entwickelt sich zur Gänze.

Am Ende Spürt man noch – in den letzten Absätzen – dieses ewige sich-Weiterdrehen, diese Unverrückbarkeit des Geschehens, die Leichtigkeit sowie den daraus resultierenden Schmerz dieses ewig sich drehenden Etwas namens Leben.
Tochter – Mutter, Mutter – Tochter. Die Tochter von Toni, die selbst zur Mutter wurde und all die Sehnsüchte einer Mutter, aber auch die ewigen Wünsche von Rekonstruktion und Verständnis der Vergangenheit der eigenen Mutter sowie den Balanceakt zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verständnis, Fürsorge und Abgrenzung, beschreibt.

Die junge Frau, die Toni einst verkörperte.
Die alte, fröhliche, aber bereits ihrem Ende zugehende Dame, die wir nur durch die Erinnerungsbrille der Tochter kennenlernen.

Der zweite Teil des Romans liest sich leichter. Es ist so, als würde dieser zweite Teil Fahrt aufnehmen.

Vielleicht war es aber auch meine eigene Angst vor dem Schicksal der Protagonistin, welches ohnehin schon über sie gekommen, mir aber unbekannt, war. Eine Angst, die mich sich dem ersten Teil so zaghaft annähern ließ.
Wie sehr wünsche ich mir für alle Menschen ein Leben voll Glück und Freude. Wie wenige bekommen es. Wir müssen uns unser Glück und unsere Freude immerzu erkämpfen. Manchmal bekommen wir es geschenkt und dann zerstört etwas (z.b. eine Naturkatastrophe) oder jemand (z.B. der in diesem Roman vorkommende Edgar) dieses unbeschwerte und lebendige Dasein.

Dann heißt es, sich die eigene Freude und das eigene Glück wieder zurück zu holen. Das hat die Protagonistin Toni in „Eine Liebe, in Gedanken“ auch getan! Dafür kann man sie bewundern und von ihr lernen. Zugleich hat sie dieses ihr persönliches Lebensdrama natürlich auch geformt. Diese beiden Pole derart zu beschreiben, ohne sie explizit zu benennen, ist Bilkau m.E. bestens gelungen. Die Autorin hat wohl eine ganz besondere Gabe, dem Leben aufzuspüren und nachzuempfinden und all die Ungereimtheiten und zusammenpassenden Puzzleteile in einfacher, poetischer Sprache aufzuzeigen. Es gibt keine unnötigen Wörter, das ist sehr angenehm.

Der Roman fordert die Leserin heraus, über ihre eigene Beziehung zur eigenen Mutter, zum eigenen Leben, zur eigenen Tochter nachzudenken.
Es ist ein mutiges Buch.

Wer dieses Buch wirklich liest, erlebt in seinem Inneren sehr vieles, das Mut erfordert, angesehen oder auch nur kurz wahrgenommen zu werden. Denn nicht nur die Mutter-Tochter-Mutter-Beziehung, auch der Verlust einer großen – und im weiteren nach der Trennung in Gedanken immerzu präsenten – Liebe, das sich-Eingestehen eines solchen Verlustes, die eigene Begrenztheit, auf das Geschehen einzuwirken, es rückgängig zu machen, vor sich selbst zu erkennen – all das erfordert Mut und Kraft.

Bilkau hat diese so schwer greifbaren Themen wunderbar eingefangen und in Worte gefasst. Ich habe vermutlich gar nicht alles erfassen können, zumindest nicht auf Anhieb.

Danke für diesen tollen Roman.