Dieser Roman geht nahe!

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Mein Leseeindruck zur Leseprobe vom 8. Jan '17:

Das Cover ist wunderschön und verträumt, macht Lust auf mehr und die Leseprobe steht dem in nichts nach.

Eliza, Harlows Großmutter, war zeitlebens quirlig, unternehmungslustig und liebte es laut, schnell und bunt. Doch nun liegt sie nach einem Schlaganfall im Krankenhaus und Harlow macht sich ziemliche Sorgen. Beim Herrichten eines behindertengerechten Zimmers fällt ihr eine Bucket List mit 30 Aufgaben in die Hände, von der jedoch erst 7 Punkte durchgestrichen sind. Da ihre Großmutter nicht mehr selbst in der Lage ist, auch die übrigen Punkte abzuhaken, will Harlow das für sie erledigen und macht sich mutterseelenallein auf den Weg nach Seattle.

Eigentlich ist Harlow nicht selbstbewusst genug für die verrückten Aufgaben ihrer Großmutter. In der Leseprobe hadert sie immer wieder mit sich, ob es die richtige Entscheidung war, die Liste selbst vervollständigen zu wollen. Aber aus Liebe zu ihrer Großmutter macht sie weiter. Das imponiert mir sehr. Ich glaube auch, dass das Mauerblümchen während ihrer Reise noch richtig aufblühen wird. Auch das erste romantische Prickeln ist schon zu erahnen. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Ich mag die Charaktere, den Schreibstil, das Gefühl in den Beschreibungen. Wenn all das im weiteren Verlauf der Geschichte noch etwas vertieft wird, könnten es 5 Sterne in der Endbewertung werden. Ich möchte jedenfalls unbedingt erfahren, wie es weitergeht und Harlow auf ihrer Reise begleiten.


Meine Gesamt-Einschätzung:

Wie aus meinem Leseeindruck bereits hervorgeht, habe ich von "Eliza will Fahrrad fahren" Großes erwartet - und was soll ich sagen? Die Autorin hat mich nicht enttäuscht! Dieser Roman ist etwas ganz Besonderes.

Harlow, die Ich-Erzählerin, begibt sich auf einen Roadtrip der besonderen Art. Denn im Gegensatz zu ihrer Großmutter wollte sie selbst nie barfuß über die Golden Gate Bridge laufen oder Frau Weiß ihren nackten Hintern zeigen und schon gar nicht ihre blonden Haare lila färben. Doch genau darauf - und auf weitere ähnlich geartete Aufgaben - lässt Harlow sich ein, als sie in den Flieger steigt und Deutschland den Rücken kehrt. Doch anders als erwartet, wird aus dem erzwungenen Trip die Reise ihres Lebens und zum ersten Mal spürt Harlow, was Freiheit bedeutet. Mit jedem abgehakten Punkt auf der Bucket List ihrer Großmutter findet Harlow einen Teil von sich selbst und wird im Verlauf der Reise ein ganz anderer Mensch.

Es ist eine Geschichte über die Liebe, das Leben und Glück, über Trauer, Angst und eigene Unzulänglichkeiten, über Selbstfindung und Prioritäten im Leben. Ich habe gelacht, geweint und war ergriffen von all diesen Gefühlen, die Kim Nina Ocker uns Lesern so ungefiltert zeigt. Harlow beschreibt das, was sie in Amerika erlebt oft als "echt" und genauso habe ich es beim Lesen auch wahrgenommen. Ich war nicht länger Außenstehende, sondern mit dabei, habe gefühlt, was Harlow fühlte, gesehen, was Harlow sah. Ich habe die Schönheit der Landschaft mit ihr zusammen entdeckt und hätte schwören können, die Wärme der Sonne auch auf meiner Haut zu spüren.

Doch die Geschichte zeigt nicht nur das Hier und Jetzt. Immer wieder lässt Harlow im Geiste kleine Szenen und Gespräche mit Eliza Revue passieren. So wird die Heldin ihrer Kindheit und Jugend auch für uns Leser lebendig. Diese Flashbacks verdeutlichen zum einen die besondere Beziehung zwischen Harlow und ihrer Großmutter, erklären, warum sie alles stehen und liegen lässt, um Elizas Wunsch zu erfüllen und diese Liste zu verwirklichen. Zum anderen erlauben sie einen Blick auf die mutige, schillernde Eliza, die in der Gegenwart oft grüblerisch und trostlos ist. Dieser ehemaligen Version traut man die Bucket List zu, der aktuellen eher nicht. Ich mag diese Vielschichtigkeit der Charaktere. Auch Jesse, Harlows Wegbegleiter, ist viel tiefgründiger als ursprünglich angenommen. Während er Harlow beim Erfüllen der Liste hilft, wächst er ebenfalls über sich hinaus. Lediglich Elizas Tochter, Harlows Mutter, ist etwas blass geraten. Da sie aber keine entscheidende Rolle spielt, ist das nicht schlimm.

Über die Rechtschreibfehler, die das Korrektorat leider übersehen hat, kann ich gut hinweglesen, weil mich Ockers Schreibstil einfach gefesselt hat. Obwohl die Geschichte so emotional ist, kriegt sie immer wieder die Kurve, streut Humor ein, baut Spannung auf, die sie dann von sentimentalen Erinnerungen durchbrechen lässt. Die Abwechslung sorgt dafür, dass die Gefühle und Eindrücke interessant bleiben, ohne den Leser zu "erschlagen". Der Roman beinhaltet nahezu alle Facetten des menschlichen Lebens und die gesamte Bandbreite der Gefühle. Vielen Dank für dieses unglaubliche Leseerlebnis!

Fazit:

Ich kann "Eliza will Fahrrad fahren" vorbehaltlos allen empfehlen, die beim Lesen mitfühlen wollen. Dieser Roman geht nahe, zeigt, dass Probleme oft perspektivabhängig sind und macht Mut - denn hier kommt nach Trauer immer wieder Freude.