Engelsgleich

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eule90 Avatar

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Martin Krist hat mit diesem Thriller ein Buch geschrieben, welches den Leser sofort packt und nicht mehr loslässt. Dabei kann sich der Leser auf die eine oder andere Überraschung freuen. Wer aufmerksam liest kann diese unerwarteten Wendungen jedoch auch schon früh selbst erahnen. Doch sicher ist man sich nie.
Das Buch ist aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben. Zum einen ist dort der Hauptkommissar Paul Kalkbrenner, der zu einem unschönen Tatort gerufen wird: Auf einem Fabrikgelände wurden die Leichen von 11 Kindern und einer jungen Frau aufgefunden. Es gibt lange keine Spur, die zu dem Täter oder auch nur zu einem Motiv führen könnte. Neben diesen schwierigen Ermittlungen hat Kalkbrenner jedoch auch noch ein privates Problem: Seine Tochter befindet sich im Krankenhaus und es stellt sich heraus, dass sie schwanger ist. Nun hat Kalkbrenner jedoch durch die Ermittlungen nicht so viel Zeit, wie er gerne hätte und kann seine Tochter nur sporadisch besuchen. Dies hält ihm seine Exfrau auch jedes Mal vor, wenn sie sich sehen. Dann hat er auch noch den Bernhardiner seiner Tochter zur Pflege. Im Präsidium sind zwar keine Hunde erlaubt und sein Vorgesetzter hat eine Hundehaarallergie, doch das ist für Kalkbrenner nur ein nebensächliches Problem. Er hat nach langer Zeit endlich eine Zeugin gefunden: Anezka. Auch aus ihrer Perspektive wird erzählt, schon bevor sie auf Paul Kalkbrenner trifft. Sie wurde von Männern gefangen gehalten, jedoch gelingt ihr die Flucht. Zusammen mit Kevin, dessen Freundin in der Fabrikhalle erschossen und dort später von Kalkbrenner und seinen Kollegen gefunden wird. Anezka und Kevin können jedoch nicht lange fliehen und werden schon bald wieder von Pjtor und Leonid gefangen genommen. Ihnen geling wieder die Flucht. Kevin stirbt aufgrund einer Schussverletzung, doch Anezka wird im Krankenhaus als wichtige Zeugin unter Polizeischutz gestellt. Ein weiterer Schlag vor den Kopf für Kalkbrenner: Anezka wird trotzdem aus dem Krankenhaus entführt!
Zur gleichen Zeit ist Markus Kühn teilweise in Deutschland, überwiegend aber in Tschechien unterwegs. Für einen Boss der Russenmafia schmuggelt und verkauft er Meth, will jedoch mit seinem Kumpel Horst noch mehr erreichen und begibt sich dabei in große Gefahr. Als er später auf Kommissar Kalkbrenner und seine Kollegin Sera Muth trifft läuft so einiges aus dem Ruder. Denn Markus kennt Sera. Was dem Leser erst sehr spät bewusst wird: Markus und sein Kumpel Horst sind selber Polizisten und ermitteln verdeckt in der Drogenszene. All dies droht nun aufzufliegen und es kommt zu einem großen Unglück in Tschechien.
Dann gibt es noch eine letzte Erzählperspektive. Diese unterscheidet sich deutlich von den anderen, sie ist nämlich in der Ich-Form geschrieben. Juliane Kluge und ihre Lebenspartnerin Yvonne vermissen ihre Pflegetochter Merle. Während Yvonne, genau wie die Polizei, davon ausgeht, dass Merle mal wieder abgehauen ist, kann sich Juli mit dieser Version nicht zufrieden geben. Sie steigert sich in die Suche ihrer Pflegetochter rein. Am Anfang noch verständlich. Doch mit der Zeit wird ihre Suche immer extremer und sie merkt nicht, wie sie dadurch ihre Beziehung mit Yvonne zerstört. Es kommt zur Trennung zwischen den Beiden. Lange Zeit fragt man sich als Leser, wann Juli denn endlich auf Hauptkommissar Paul Kalkbrenner trifft. Die beiden finden einfach nicht zusammen. Dabei müsste ein verschwundenes Mädchen doch auffallen, wenn gerade elf Kinderleichen entdeckt wurden. Die Lösung dieses „Rätsels“ bekommt der Leser erst, wenn er das Buch etwa zur Hälfte gelesen hat: Merles verschwinden und die Erzählungen von Juli spielen zwei Jahre vor dem Fund der Kinderleichen! Diese Tatsache hat mich als Leser erst mal sehr schockiert. Ich konnte es kaum glaube, dass man mich fast 200 Seiten lang so hinters Licht führen kann.
Solche Momente hatte ich in dem Buch einige und ich muss sagen, mir hat das sehr gut gefallen. Es bringt eine ungemeine Spannung in die Geschichte, weil man in jedem Kapitel, ja fast schon auf jeder Seite, eine neue unerwartete Wendung vermutet. Auch wenn man das Prinzip zum Ende des Buches ganz gut durchschaut hat und die eine oder andere Überraschung schon vorher erahnt hat, so bleibt doch eine große Spannung bis zur letzten Seite. Einen großen Teil zur Spannung trägt auch die Länge der Kapitel, beziehungsweise der Unterkapitel bei. Sie sind alle nur wenige Seiten lang und es wechselt ständig die Person. Jedes Unterkapitel endet jedoch mit einem Satz der einen Neugierig macht auf das nächste Kapitel mit dieser Person, so dass es einem kaum möglich ist, das Buch aus der Hand zu legen. Der Satz „nur noch ein Kapitel“ ist nur mit größter Willensstärke durchsetztbar. Oder mit einem Partner, der einem das Buch einfach aus den Händen nimmt. Ich muss sagen, genau so stelle ich mir ein gutes Buch vor! Ich will es gar nicht mehr aus der Hand legen und wenn, dann möchte ich so schnell wie möglich weiterlesen.
Ich bin gespannt auf weitere Werke von Martin Krist. In ihm habe ich einen weiteren Autor gefunden, von dem ich alle Bücher lesen werde, auch ohne den Klappentext zu kennen.