Aufwühlend!

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yasemine Avatar

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Im Anschluss an Wlada Kolosowas Roman Fliegende Hunde war ich sehr aufgewühlt. Bereits während des Lesens gibt es so einen Leseschmerz: Man weiß bereits, dass es hier kein gutes Ende geben kann. Das war in der Leseprobe für mich noch nicht vorauszusehen. Beim Lesen wird es aber Kapitel um Kapitel umso deutlicher. Letztlich war es dann doch nicht ganz so schlimm. Einfach das Leben. Wie es ungefragt immer weiter geht.

Also, wer sind die Protagonistinnen? Oksana und Lena. Beide sind seit ihrer Kindheit zusammen, ca. 17 Jahre, verstehen sich prächtig und beinahe sind sie fast wie siamesiche Zwillinge: immer zusammen. Den Eltern der beiden kommt das manchmal schon fast komisch vor, dass sie so viel schlafen und vor allem auch, dass sie zusammen in einem Bett schlafen. Immer zusammen heißt also tatsächlich zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Oksana und Lena hingegen wollen sich ihre gemeinsame Welt nicht zerstören lassen und gestalten diese nach ihrem eigenen Ermessen. Doch so sehr sie auch aneinander hängen und sich seit Kindesbeinen an kennen, sind sie doch auch sehr unterschiedlich gestrickt. Die eine dunkelhaarig und eher pummelig (vermutlich hat sie einfach nur normale Kurven, die schön aussehen an einer Frau, aber für Teenager erst mal eine Umstellung vom Kinder- zum Frauenkörper darstellen), wirkt beinahe bodenständig in ihrer Art, sich Wissen aneignen und in der Schule damit brillieren zu können, und auch, weil sie sich in dem imaginären Vorort St. Petersburgs, Krylatowo, doch sehr wohl fühlt. Entgegen ihrer sehr einfachen Lebensumstände. Sie ist es auch, die das Liebesverhältnis zu Lena nicht vor sich selbst verleugnet, sondern eigentlich sehr lange nur auf den richtigen Moment wartet, bis es endlich „echt“ und offiziell ist. Sie mag Lena und käme nie auf die Idee, sie zu verleugnen.

Lena hingegen ist schlank bis unterernährt, blass, blond und langbeinig. Sie hat ebenso tiefe Gefühle für Oksana, kann diese jedoch nicht einmal sich selbst eingestehen und verleugnet Oksana deshalb regelmäßig mit sehr kurzen, aber dafür umso schlagenderen, abfälligen Aussagen über Lesben und dergleichen. Sie ist froh, entdeckt worden zu sein und nach Shanghai zu können, denn dort erwartet sie das große Mode-Leben und vorallem kann sie so endlich Oksana vergessen (das redet sie sich zumindest ein). Am ersten Tag zurück in Krylatowo findet ein Shooting statt und als Oksana sie besucht und ihr Blumen mitgebracht hat, gibt Lena vor, sie nicht zu sehen bzw. nicht zu erkennen. Derartige Situationen passieren immer wieder.

Oksana trifft Lenas Verhalten ins Herz und letztlich zerbricht die Freundschaft. Es kommt zu keiner Aussprache – Lena geht im Anschluss an ihre drei Wochen Urlaub für weitere drei Monate zurück nach Shanghai, da sie sich in Krylatowo einfach nicht angenommen und akzeptiert fühlt und sich einfach etwas Besseres für ihr Leben erhofft. Zumindest materiell könnte sie mit etwas Glück sehr viel besser aussteigen, als es ihr St. Petersburgs Vorstadt jemals bieten wird.

Die Gefahren des Model-Lebens, welches leider nur eine sehr dünne Trennlinie zu Drogen und Prostitution aufweist, will sie nicht sehen.

Das Buch ist in Oksana- und Lena-Kapitel unterteilt und es beginnt genau beim Bruch der Freundschaft, nämlich als Lena sich auf nach Shanghai macht, um dort als Model arbeiten zu beginnen. Dass die Modelwelt hungrig und trist ist, teilt sie Oksana nicht mit. Ebenso wenig, wie brutal mit den Mädchen umgegangen wird. Sie blendet Oksana nach Möglichkeit aus, lernt schnell, via Internet und Social Media sich selbst gut darzustellen und alles locker, fröhlich und glamourös aussehen zu lassen.

Oksana beginnt in der Zwischenzeit mit dem Versuch, Gewicht zu verlieren. Offensichtlich bringt es einem jungen Mädchen mehr, wenn es dünn ist, als wenn es gute Noten hat, damit beruflich und finanziell gut dasteht. Dummerweise lässt sie sich in ein Forum aufnehmen, in welchem alle versuchen, krankhaft dürr zu werden. Als Vorlage verwenden sie die Hungerzeit in St. Petersburg während des Krieges. Denn während der Belagerung hatten die Menschen nichts mehr zu essen und kamen so auf die kuriosesten Gedanken, Essen zu schaffen, einfach, um nicht gänzlich zu verhungern. Oksana nimmt die Sache nicht ganz so ernst, freut sich aber über Likes und Follower und all die social-media-Aufmerksamkeit, die ihr doch aufgrund der Lena-Sehnsucht so fehlt. Als ein Mädchen des Forums an Unterernährung stirbt, beginnt sie, die traurige Realität zu sehen und das Forum in Frage zu stellen.

Bewegende Szenen sind: Die Babulja ihrer Freundin Lena, die die Belagerung selbst miterlebt hatte und teilweise glaubt, sie sei wieder in dieser Zeit. Für Oksana sind diese Gespräche sehr heilsam in Bezug auf die Grausamkeit, die die Belagerung dargestellt hatte und in Bezug auf ihr makaberes Diät-Experiment.
Es dauert eine Weile, aber irgendwann bemerkt sie selbst, wie irre es ist, sich in einer Zeit des Nahrungsüberflusses zu Tode zu hungern.
Weitere bewegende Szenen: Die Umarmung mit Mammut, als Oksana ihm von diesem irren Forum im Internet erzählt und er ihr zuhört und seinen klaren, hilfreichen Rat gibt.
Das gemeinsame Wassertrinken vom Brunnen als Kinder mit Lena.

Fliegende Hunde heißt der Roman, weil Oksana und Lena sich manchmal überlegen, welche Flügel wohl ein Hund haben könnte, welche Farbe diese Flügel hätten. Sie können zusammen träumen und Traumfetzen sich ausdenken, auch deshalb verbringen sie so gerne Zeit zusammen im Bett am Morgen, um all ihre lebendige Phantasie gemeinsam ausleben zu lassen. Sie ticken hier gleich und man merkt u.a. daran, dass sie eigentlich seelenverwandt sind, trotz aller Unterschiedlichkeiten sind sie ein eingespieltes Team und es ist ein Wunsch, zu erleben, dass sie gemeinsam total glücklich werden.

Als Gegenbeispiel versucht Oksana es später bei ihrem Übergangsfreund Mammut, ebenso gemeinsam fliegende Hunde zu erfinden. Dieser jedoch kann sich auf ihre Phantasie nicht einstimmen und das Experiment, einen wirklichen Ersatz für Lena zu schaffen, misslingt.

Zuletzt erfährt man, dass Lena zurück nach Shanghai gegangen ist und Oksana sich von ihrem Übergangsfreund getrennt haben dürfte. Die Hunger-Diät und das Forum hat sie hinter sich gelassen und sie erkennt: „Dass etwas vorbei war, bedeutete nicht, dass es nicht mehr wichtig war.“
Damit scheint sie ihren Frieden mit den Ereignissen der vergangenen Monate gefunden zu haben und weiter ihr Leben leben zu können.
Lena hatte alles zurück gelassen und konnte sich nicht dazu bekennen, lesbisch zu sein. Nach langem Hin und Her hatte sie aber doch das Hemd von Oksana zum Schlafen wieder in den Koffer eingepackt. Ganz vergessen wird und will sie sie also nicht; sie bleibt nur weiterhin tief in ihrem inneren Sein versteckt, unkenntlich für die Außenwelt, wie es tatsächlich um Lena bestimmt ist.

Zum Abschluss sei noch gesagt: Kunst muss/soll/darf aufregen. Auch und gerade Konsumkunst. Auf den ersten Blick ist es einfach ein Frauenroman. So bin ich jedenfalls an ihn herangegangen. Wollte einen schönen Nachmittag mit lesen verbringen, möglichst ein Happy End. Aber danach konnte ich gut eine Woche lang nichts Neues mehr lesen. Ich musste einfach dieses Buch verdauen, all die (fiktiven) Geschichten, die doch jederzeit, nämlich jetzt gerade im Jahr 2018, zwei jungen Teenager-Frauen passieren könnten. Und das ist das Arge und Gute gleichzeitig an dieser Story.