Schonungslos

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jeffreyronarrow Avatar

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Ich habe mich bereits beim Leseeindruck lange darüber ausgelassen, dass ich die Covergestaltung von "Gebete für die Vermissten" ziemlich schlecht finde. Nachdem ich das Buch nun durchgelesen habe, muss ich meine Meinung dazu revidieren: Die Covergestaltung ist gelinde gesagt schrecklich, selten habe ich ein Buch in den Händen gehalten, bei dem die Abstimmung zwischen Story und Titelbild so wenig zusammen passte. Jedem das seine, es gibt sicher Menschen, die gerne Liebesratgeber in Romanform lesen, die dann meist durch sehr blümchenlastige Cover auffallen. Doch auch wenn Mohnblumen zur Landschaftsbeschreibung der mexikanischen Berge dazu gehören, so ist der Inhalt des Buches einfach roh, trist und dreckig und hat absolut überhaupt nichts mit einem Mohnblumenfeld vor sonnig gelbem Hintergrund zu tun. Daher gibt es leider hierfür einen ganzen Stern Abzug. Ich bin bemüht, das Buch als Gesamtwerk zu sehen und muss ehrlich sagen, hätte ich es im Laden gesehen, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, den Klappentext überhaupt zu lesen. Aber genug der Meckereien über das Äußere, denn Innen verstecken sich bei "Gebete für die Vermissten" wahrlich wunderbare Werte...

Ladydi ist ein Mädchen,das ohne ihren in den Staaten arbeitenden Vater bei ihrer kleptomanischen Mutter aufwächst. Doch das Leben in den mexikanischen Bergen ist hart und beschwerlich, mitunter lebensbedrohlich. Es gibt keine Männer mehr in dem Dorf, alle arbeiten entweder in den reicheren Städten Mexikos oder eben in den USA. In unregelmäßigen Abständen fahren schwarze SUVs durch das Dorf, mit dem Ziel die schönsten Mädchen mitzunehmen und zu Liebchen für die führenden Drogenbarone zu machen. Aus diesem Grunde entstellen und verstecken Mütter ihre Töchter, schmieren ihnen Dreck in die Gesichter oder kleiden sie wie Jungs.

"Gebete für die Vermissten" ist weniger eine packende Geschichte, der man zwingend folgen muss. Es ist vielmehr ein in Romanform geschilderter Tatsachenbericht über das harte Leben, das Familien in den armen Regionen Mexikos führen müssen. Ein Leben, von dem man in unserem Wohlstandszustand wenig bis nichts mitkriegt, über das Jennifer Clement aber ausgiebig recherchiert hat, um es nun schonungslos offen zu legen. Ich bin der Auffassung, das keine noch so schreckliche Szene des Buches geschönt werden sollte, denn immerhin müssen wir nur lesen, was andere am eigenen Leib ertragen müssen. Von daher hat Jennifer Clement hier absolut die richtige Wahl der Darstellung getroffen und einen unglaublichen Einblick in das mexikanische Seelenleben geschaffen.

Ziehen wir das Cover ab, bleiben noch immer vier Sterne, auch wenn der Inhalt locker fünf verdient hätte. Klare Empfehlung!