Eine deutsche Familienchronik

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
smayrhofer Avatar

Von

Deutschland 1924, die Zeit nach der großen Inflation: Während seine Frau Katharina den lang ersehnten Sohn Anton zur Welt bringt, kämpft Johann Bluhm um seine Papierfabrik. Diese hat Johann nach dem Kriegstod seiner zwei älteren Brüder sowie seines Vaters übernommen, obwohl seine Interessen bisher anderweitiger Natur waren. Als er auf einer Geschäftsreise von der industriellen Goldherstellung erfährt, lässt er sich von der Aussicht auf sprudelnde Gewinne und der Begeisterung anderer Interessenten anstecken und kauft ohne Bedenken Anteilsscheine der dubiosen Produktionsgesellschaft am Starnberger See.

Zwei Monate nach Anton kommt Franz Münzer zur Welt, das erste Kind von Hubert und Alexandra Münzer. Hubert entstammt einem bürgerlichen Elternhaus, fühlt sich aber zu Höherem berufen, und träumt nebenbei vom bevorstehenden Zeitalter des arischen Übermenschen. Das als Mitgift zur Hochzeit erhaltene Landhaus, den Amselhof, stellt Alexandra der bereits erwähnten Produktionsgesellschaft zur Verfügung, und so werden die Schicksale der beiden Familien, insbesondere der beiden Jungen Anton Bluhm und Franz Münzer, sehr schnell auf untrennbare Weise miteinander verbinden. In der HJ treffen sich die beiden so unterschiedlichen Jungen wieder, aber Freunde sind sie zunächst nicht…

Eine deutsche Familienchronik, die sich über ein dreiviertel Jahrhundert erstreckt, und Eindrücke vermittelt, die man so aus dem Geschichtsunterricht nur bedingt kennt. Da treffen zunächst in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage um die eigene Existenz kämpfende Familien auf windige Geschäftemacher und Profiteure der derzeitigen Situation; und Träumereien auf beiden Seiten heizen die ganze Geschichte noch zusätzlich ein. In der Nachkriegszeit führen unterschiedliche berufliche und persönliche Interessen bei den beiden Hauptdarstellern zu scheinbar auseinander laufenden Lebensläufen, aber immer wieder kreuzen sich die Lebenslinien der beiden Familien. Dieses Ineinandergreifen macht für mich dann auch den Reiz der Geschichte aus.

Nicht zuletzt ist Gisela Stelly mit dem „Goldmacher“ sowohl eine lebendige als auch eine einfühlsame Geschichte gelungen. Die Charaktere sind trotz einiger leichter Übertreibungen plausibel gezeichnet; und der ruhige, fast unaufgeregte Schreibstil der Autorin bildet einen schönen Kontrast zu den Schicksalsschlägen, die ansonsten die Handlung prägen. Zwar kein absoluter „Page Turner“, aber doch ein überraschend gutes Buch.