Schwer zu ertragen

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milli0910 Avatar

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Das Cover des Buches ist auf der einen Seite ziemlich schlicht und auf der anderen Seite doch sofort auffällig. Mir gefällt, dass es nicht so Thriller- Typisch aufgebaut ist wie die meisten anderen. Die alles einnehmende Schrift, welche uns den Titel verrät sind bernsteinfarben ausgefüllt, was zusätzlich das Symbol des Harzes unterstreicht. Insgesamt finde ich das Cover toll gestaltet.

Inhalt:
Vorwieglich ist das Buch aus der Sicht von der sechs jährigen Liv verfasst. Jedoch erzählt das Buch nicht nur ihre Geschichte, sondern Hauptsächlich die ihres Vaters, auch die ihrer Mutter und am Rande die ihrer Großeltern. Liv hatte einen Zwillingsbruder, welcher jedoch als Säugling bei einem Unfall ums Leben kam. Seitdem ist der liebende Vater Jens immer und immer mehr mutiert zu einem kontrollsüchtigen und überängstlichen Helikoptervater. Er bindet seine Tochter emotional so sehr an ihn, dass es auf Außenstehende wohl als einengend empfunden werden würde, tatsächlich ist jedoch seine Verlustangst so hoch, dass er sich nicht anders zu helfen weiß. Zuerst mag man meinen, dass dies ein sympathischer Charakterzug ist und ihm die Menschen, die ihm am Herzen liegen, sehr viel bedeuten. Tatsächlich jedoch gerät seine Fürsorge außer Kontrolle, als er seine Tochter nach einem gemeinsamen Bootsausflug für tot erklären lässt. So will er sie komplett von der Außenwelt abschotten, um sie, versteckt in einem Container den sie nur im Dunkeln verlassen darf, vor jeder möglichen Gefahr und einer Entdeckung durch andere zu bewahren. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr realisiert man, woher Jens Ängste und sein Wahnsinn kommen. Zwar bemerkt ab einem gewissen Punkt Jens Frau, dass sein Verhalten krankhaft wird, jedoch stopft sie ihren Kummer mit so viel Essen, dass sie aufgrund ihrer Fettleibigkeit bettlägerig wurde. In ihren Briefen an ihr Kind öffnet sie sich ihrer Tochter Stück für Stück. Da Liv jedoch mit ihrem Vater und seinen Methoden groß geworden ist, ist ihr Leben für sie normale Realität.

Meine Meinung:
Es gibt so ziemlich hunderte Sachen, die mir an dem Buch gefallen haben und ungefähr die Hälfte davon macht das Buch in meinen Augen zu etwas Besonderem: Zum einen bin ich ein großer Fan der Erzählweise. Der größte Teil der Geschichte wird aus der Sicht von der kleinen Liv erzählt. Diese schildert Geschehnisse in einer kindlichen Weise. Das Tolle daran ist, dass alles sehr wertfrei ist- mit ihren sechs Jahren betrachtet sie die Art und Weise ihres Vaters als vollkommen normal. Gelungen fand ich auch die Briefe, die Liv von ihrer Mutter bekommt. Diese sind sehr emotional und bringen eine vollkommen andere Grundstimmung mit in das Buch ein. Letztendlich ist in meinen Augen jedoch Jens die eigentliche Hauptfigur des Thrillers. Durch die vielen Erzählungen seine Vergangenheit betreffend, lernt man ihn nochmal als Kind kennen und mit ihm seine Familie. Alle drei Komponenten tragen zum Einen zu einem spannenden Lesefluss ein, sorgen jedoch auf der anderen Seite dafür, dass alle aufkommenden Fragen mit und mit beantwortet werden. Die Grundstimmung des Buches, trotz unschuldig kindlicher Passagen, ist bedrückend. Man ist wütend auf Jens, man empfindet tiefes Mitleid für Liv, Unverständnis für deren Mutter und Fassungslosigkeit die Geschichte betreffend. Das Krankheitsbild des psychisch kranken Jens erschreckt einen in seinem Ausmaße sehr tief und hinterlässt auch nach Beenden des Buches noch ein bedrückendes Gefühl im Bauch. Natürlich werde ich hier nicht spoilern, aber besonders die letzten Kapitel waren doch nur sehr schwer zu lesen und zu verarbeiten- obwohl ich mit großer Leidenschaft Thriller und Horrorbücher lese. Einzig negativ finde ich, dass der Klappentext in meinen Augen nicht sinnvoll verfasst wurde. So wie man es da liest klingt es, als ginge es in dem Buch vorweg um Liv. Sie ist zwar als Erzählerin eine der wichtigsten Rollen, jedoch sind all ihre Taten und viele ihrer Gedanken auf die Manipulation ihres Vaters zurückzuführen, was ihn für mich zum eigentlichen Drehpunkt in der Story macht. Das Ende war absolut in sich schlüssig, wenn der Showdown auch etwas plötzlicher begann, als ich es gedacht hätte.

Fazit und Empfehlung:
"Harz" von Ane Riel wurde mit dem skandinavischen Krimipreis ausgezeichnet, was in meinen Augen absolut gerechtfertigt ist. Kein Thriller der herkömmlichen Art und doch so einnehmend und fesselnd, dass ich noch lange bewegt sein werde. Der schonungslose und grausame Schreibstil stößt an der ein oder anderen Stelle ab- und ist erst dadurch perfekt geworden.