Vom Jäger zum Gejagten

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wölkchen Avatar

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Liegt es am Cover mit den beiden „Men in black“, am Titel oder an der Handlung? Ich kann es schwer an einzelnen Punkten festmachen, aber insgesamt erscheint mir „Headhunter“ vor meinem inneren Auge als Buch für Männer. Damit möchte ich keinesfalls weibliche Leser abschrecken, ich selbst habe Nesbos neuen Thriller verschlungen und er hat mir sehr gefallen. Vielmehr ist es ein Qualitätsmerkmal: Ich bin mir sicher, ich könnte das Buch meinem eher lesefaulen Vater in die Hand drücken, und er würde dieses rasante und hochspannende Buch nicht mehr zur Seite legen.

Der Protagonist Roger Brown ist eine zwiespältige Figur: Tough, abgebrüht und mit Geringschätzung für seine Kollegen und Kunden sieht er sich als den führenden Headhunter. Gleichzeitig zeigt er uns selbst seine schwache Seite: Er erzählt, wie er seine Frau kennenlernte, wie er, der nur 1,68 kleine Mann, unsicher beim Flirten war und dass er selbst heute noch kaum glauben kann, dass diese Frau ausgerechnet ihn gewählt hat und immer noch bei ihm bleibt. Harte Schale, weicher Kern… Zwiespältig ist er jedoch auch noch in andere Hinsicht: Um seine Frau halten und ihr einen angemessen Lebensstandard bieten zu können, nutzt er seine berufliche Position, um seinen Klienten wertvolle Gemälde zu rauben. Dieser Nebenverdienst wird ihm jedoch zum Verhängnis, als einer seiner Kunden den Spieß plötzlich umdreht.

Nesbo spielt mit dem Bild des Jägers: Während Brown beruflich auf Jagd nach den idealen Mitarbeitern (und nebenbei nach lohneswerten Kunstwerken) ist, wird er plötzlich selbst zum Gejagten. Und sein Verfolger möchte nichts Geringeres als Browns Kopf – ein Headhunter der anderen Sorte!

„Headhunter“ ist böse, grausam und gönnt dem Leser keine Verschnaufspause. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwindet, lediglich die Erzählperspektive mit dem Ich-Erzähler Brown entscheidet darüber, wem der Leser seine Sympathien schenkt. Stellenweise zeichnet Nesbo seinen Protagonisten etwas begriffsstutzig. Entscheidende Punkte sind bereits klar, bevor sie im Buch endlich als „Aha-Moment“ präsentiert werden. Das trübt das Lesevergnügen etwas. Insgesamt aber ein spannender und origineller Thriller der anderen Art – für Männer, und ja, meinetwegen auch für Frauen ;-)