Manche Dinge sind vollkommen, bevor sie vollendet sind

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
bouquineur Avatar

Von

Auch für seinen neusten Roman hat sich Peter Prange wieder einen Stoff ausgesucht, den das Leben geschrieben hat, denn bekanntermaßen schreibt das Leben die besten Geschichten, wenn auch nicht immer die bequemsten.
Völlig unvermittelt öffnet sich für den Leser der Vorhang zu einer Bühne, auf der der Autor das größte Theaterstück der Welt inszeniert: Die Geschichte einer Liebe, die bis an Selbstzerstörung und Wahnsinn grenzt, Genie, das nur sich selbst kennt und auf niemand anderen Rücksicht nimmt, Besessenheit, die die Protagonisten bis an die Grenzen ihrer selbst führt. Atemlos sitzt der Leser in der ersten Reihe und folgt den 9 Akten dieser Geschichte, die sich über einen Zeitraum von 18 Jahren erstreckt und den Leser quer über den halben Erdball führt. Es ist die Geschichte von Harry Winter, einem expressionistischen Maler und seiner Muse Laura, die sich bald aus seinem Schatten und dem Dasein als Muse befreit und eine ganz eigene Art der Kunst schafft. Der Weg in dieses eigene Leben ist für beide schwierig, kann doch der eine nicht loslassen, während sich der andere auf dem geflügelten Pferd liebend gerne in die Lüfte erheben würde. Es ist eine fordernde Liebe, deren machtvolle Existenz eine tagtägliche Gratwanderung, ein ständiges Ausbalancieren erfordert und deren Ausleben ein Maximum an Kraft erfordert. Zu viel Kraft vielleicht, den so sehr man als Leser den beiden Protagonisten diese allumfassende Liebe auch gönnt, so oft fragt man sich auch, ob eine so starke Liebe nicht auf Dauer zum Scheitern verurteilt ist. "Manche Dinge sind vollkommen, bevor sie vollendet sind". Diesen Satz spricht Laura in einer Situation, die sich um ein ganz bestimmtes Bild dreht, das sie beiden gemeinsam geschaffen haben. Dieser Satz ist aber auch Sinnbild für die Liebe der beiden Protagonisten, die - zumindest zeitweise - vollkommen war, ob sie nun vollendet wird oder nicht. Genau dieser Satz ist es auch, der den Leser am Ende mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf die Geschichte dieser beiden Ausnahmekünstler zurückblicken lässt.

Peter Pranges beobachtender, schnörkelloser Schreibstil macht dieses Buch zu einem wunderbaren und kitschfreien Roman über die Liebe und das Leben, fängt Stimmungen und Gefühle dennoch intensiv ein und ermöglicht es dem Leser, einen ganz eigenen Blick in die Psyche der Protagonisten zu werfen. Der Autor weist zwar im Nachwort ausdrücklich daraufhin, keinen biografischen Roman geschrieben zu haben, sondern eine Mischung aus Sachverhalten und frei erfundenen Elementen, dennoch sind die biografischen Parallelen zu den von ihm verwendeten Vorbildern klar zu erkennen. Die Vorstellung, dass es diese Jahrhundertliebe vielleicht doch so gegeben haben könnte wie von Peter Prange geschildert, hat beim Lesen meine Fantasie beflügelt und mich, wie die Windsbraut, für einige Stunden beseelt davon getragen.