Der "Herr der Maulwürfe" schreibt wieder :-)) Zum Glück!

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Die Idee, real existierende Probleme unserer derzeitigen Welt und Gesellschaft in einer — eventuell leichter verdaulichen — Fantasygeschichte zu verpacken, finde ich einfach genial. Außerdem gefallen mir die nicht so ganz eindeutig zuordnungsbaren Charaktere. Soll heißen: Selbst unter den herrschsüchtigen Sinistra mit ihren Fyrd gibt es Persönlichkeiten, die nicht einfach böse sind, sondern eine Vorgeschichte und dementsprechend eine Motivation zum Handeln haben und eine Entwicklung durchmachen, die man vielleicht sogar nachvollziehen kann. Kein Hydden gleicht dem anderen, sondern sie haben genau so ihre Ecken, Kanten, Schrullen und Eigenheiten wie die Menschen. Man kann nach diesem ersten Band der Tetralogie schon sagen, dass die Sterblichen nur durch Teamarbeit zu praktikablen Erfolgen kommen können und das ist mehr, als reale Menschen in unserer wirklichen Welt bisher begriffen zu haben scheinen.

Ich erwähnte ja schon, dass man bei William Horwood nicht erwarten darf, dass er mit den zarten Seelen der Leserschaft allzu sanft umgeht. Bei ihm bedeutet die Beschreibung des Lebens auch oft eine große Nähe zum Tod. Ja, ich möchte fast sagen, dass sie bei ihm gleichwertig und normal sind. Offenbar zieht er eine bodenständige Erzählung allzu abgedrehten Fantastereien vor. Mir gefällt das. Es wirkt auf mich irgendwie wärmer, sympathischer und authentischer trotz der Fiktion. Wer erwartet hat, dass die Hydden einen ähnlichen Niedlichkeitsfaktor wie bei den tolkienschen Hobbits haben, sieht sich denn auch schnell eines Besseren belehrt. Bedwyn Stort stelle ich persönlich mir allerdings sogar als recht skurillen, fast niedlichen Nerd vor. Seine Begleiter wirken wie typisch englische Gentlemen, die in entscheidenden Momenten jedoch ihre distinguierte, altmodisch formelle Höflichkeit sehr schnell zugunsten einer bodenständigen, praktischen Haltung aufgeben. Eine Wurd kommt halt nicht so von allein...jedenfalls nicht, solange man noch ein wenig steuernd eingreifen kann.

Ein weiteres Highlight für mich war die Tatsache, dass es bei Horwood — wie von dem Roman „Der Stein von Duncton" schon gewohnt, so wenige „glatte" Charaktere gibt. Eine Frau, die seit 1500 Jahren auf einem Schimmel durch die Welt der Sterblichen, Menschen wie Hydden, reitet, hat es halt dann eben mit dem Rücken oder keine Zähne mehr im Mund...und ist nicht strahlend schön und forever young. Ihr Schimmel muss ihr gegenüber ein wirklicher Gentlemen sein und außerdem recht hart im Nehmen. Naja, man kennt sich ja auch schon einige Zeit. Oder wer muss da nicht an sich halten, um nicht laut loszulachen, wenn ein blitzgescheiter Kopfarbeiter wie Bedwyn Stort sich bei der praktischen Überprüfung einer seiner Theorien von einem unter Wasser liegenden Baumstamm bedroht fühlt und fast ertrinkt?! Keine Sorge, das Gegenteil trifft sogar ein und unser Mini-Held lernt sogar durch diese Erfahrung schwimmen. Möge er uns in der Tetralogie noch lange erhalten bleiben. Generell liegt die Komik bei Horwood aber eben in vielen solcher kleinen Situationen und lockert einiges an seinen Romanen auf's Beste auf. Dennoch behandelt er ernstere Themen wie Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Natur, gesellschaftliche und politische Probleme und verpackt sie in eine Fantasy-Geschichte, über die man genau soviel nachdenken und von der man auch soviel lernen kann, wie man eben mag.

Ich zumindest mag und verzeihe Horwood auch immer wieder, dass er mit seinen Protagonisten manchmal nicht so zartfühlend umgeht. Ob das jeder Jugendliche so wegsteckt, vermag ich zu bezweifeln, weswegen ich diese Fantasy-Reihe eher für Erwachsene empfehlen würde. Allerdings täuscht man sich da auch ab und zu gewaltig. Unsere jugendlichen Leser sind ja durch Vampire, Werwölfe, Dementoren u.ä. schon einiges gewohnt, so dass Horwoods Fantasy-Reihe ihnen eventuell zu harmlos herüberkommen mag. Das betrifft wahrscheinlich auch die kleine Lovestory zwischen Jack und Katherine im jugendlichen Alter. Doch ich fand die Gefühle der beiden füreinander sehr stimmig und die emotionalen Barrieren, die der schwere Autounfall zwischen den beiden errichtet hatte, sehr stimmig und nachvollziehbar. Die vielen medizinisch notwendigen Nachbehandlungen, denen sich Jack, der ja lediglich durch den Eingriff der Hydden überhaupt noch am Leben war, unterziehen musste, für Katherine der ständige Umgang und die Rücksichtnahme auf ihre schwerbehinderte Mutter ... solcherart aufgewachsene Kinder werden erfahrungsgemäß früh erwachsen...und das weiß dieser Autor offenbar besser als viele andere Menschen.

Meines Erachtens konnte diesen beiden Protagonisten wirklich nichts besseres passieren, als in die Hyddenwelt gerissen zu werden, diesen liebenswerten, klugen und oft herrlich ruppigen Wesen, die jedem klar machen können, dass das Leben zwar lebensgefährlich ist, aber sehr lebendig macht.
Ich spreche für den ersten Teil dieser Tetralogie eine uneingeschränkte Empfehlung aus und freue mich auf die nächsten Bände. Endlich wieder Fantasy, wie ich persönlich sie zu schätzen weiß.

\*\*\*Ich bedanke mich hiermit nochmal ganz herzlich für die Übersendung eines Rezensionsexemplars beim Verlag und beim Team von vorablesen.de\*\*\*

P.S.: Eine Bemerkung sei mir noch erlaubt:

Wer sich bei einem geschenkten Rezensionsexemplar, das in der Qualität hergegeben wird und ja noch nicht der fertige Druck ist, über einige Rechtschreibfehler aufregt - und dann im Text übrigens selbst welche hat - der hätte wohl auch die blaue und rote Mauritius zerrissen und entsorgt ;-))

Liebe Grüße

Zoppotrump