Sprachschön, aber nicht überwältigend

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lorelaigilmore Avatar

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Ein bisschen schwer getan habe ich mich mit "Jeden Tag, jede Stunde" von Natasa Dragnic. Wortschön las es sich, keine Frage. Aber die Geschichte hinter den schönen Worten hat mich nicht restlos überzeugen können. "Jeden Tag, jede Stunde" erzählt von einer Liebe, die alle Grenzen überschreitet, ohne je wirklich ihre Erfüllung zu finden, von einer Liebe, die das Leben der beiden Hauptprotagonisten zum Teil so stark prägt, dass es ihnen verwehrt bleibt, glücklich zu sein. Dragnic setzt uns zwei Hauptprotagonisten vor, mit denen man, egal wie sehr man sich bemüht, nicht wirklich warm wird. Durch den immensen Egoismus, den sowohl Luka als auch Dora an den Tag legen, dringt man nicht wirklich zu ihnen durch, hat Probleme, mit ihnen mitzufühlen, wenn die Erfüllung ihrer, so wird es im Buch immer wieder betont, großen Liebe mal wieder scheitert. Es lässt sich darüber streiten, ob man solche Probleme mit Dora und Luka hat, weil ihre Geschichte in den 50er-Jahren beginnt, es lässt sich darüber streiten, ob es dem Leser zusteht, über jedwede Form der Liebe eine Wertung vorzunehmen, aber Luka und Dora waren als Paar, das sich irgendwie nicht wirklich bekommen durfte, verflucht anstrengend. Luka weinerlich, verschüchtert, ständig der Ohnmacht - nein, nicht im übertragenen, sondern im Wortbedeutungssinn - nahe. Dora hingegen war stark, tough, so angelegt, wie alle Protagonistinnen angelegt sind, die man bewundern und als Rollenmodel ansehen soll. Auf mich wirkte sie an vielen Stellen allerdings wie ein aufgescheuchtes Mädchen, das eine rosarote Seifenblase als Wohnort bevorzugen würde.

Andererseits gibt die Geschichte ihrem Leser auch einige wichtige Wahrheiten mit auf den Weg: Dass es im Leben keinen Masterplan gibt. Dass nicht jede große Liebe Erfüllung finden muss. Dass sich einem Widrigkeiten in den Weg stellen und einen in die Machtlosigkeit drängen können. Macht das aber in irgendeiner Form die Hauptprotagonisten sympathischer? Nicht wirklich. Sie sind keine gescheiterten Antihelfen, denen man gerne eine Umarmung anbieten würde oder eine Decke, sondern zwei Protagonisten, die nicht für sich selbst einstehen konnten oder wollten und den falschen Idealbildern und Moralvorstellungen hinterhergerannt sind. 

 

Trotz der inhaltlichen Schwächen ist "Jeden Tag, jede Stunde" sprachlich aber definitiv eine Perle. Viele Stellen sind sehr bildhaft und stilistisch so dicht, dass man sie am Liebsten abschreiben würde. An anderen Stellen hat Dragnic es fast schon ein wenig übertrieben, rutschen ihre Bilder ins Pathetische ab, wirken zu gezwungen und konstruiert, ebenso wie es beim Inhalt der Fall ist. Jedes Mal, wenn man gerade das Gefühl hat, die Protagonisten könnten endlich erwachsen werden, zaubert Dragnic eine neue Katastrophe aus dem Hut, lässt Dora und Luka nahezu wie Idioten dastehen, mit Lichtgeschwindigkeit gegen Wände donnern. Zu ihrer leisen Sprache hätte eine ebenso leise Geschichte besser gepasst.  

 

Ich spreche eine Leseempfehlung für alle aus, die auch mit sperrigen Charakteren umgehen können, denen Sprachschönheit fast schon wichtiger als der Inhalt ist, für alle, die eine Zeitreise durch Kroatien machen wollen, an der Seite zweier Protagonisten, die einen als Leser manchmal an Grenzen bringen. Wer allerdings mehr Wert legt auf Protagonisten, die viele Projektionsfläche vorzuweisen haben, greift vielleicht lieber zu einem wenig sperri zwingegen zeitgenössischem Roman. Für mich persönlich war "Jeden Tag, jede Stunde" eine interessante Leseerfahrung, wenngleich ich an manchen Stellen sehr stark mit Dora und Luka und ihrer Geschichte gehadert habe - aber oftmals bleiben gerade die Bücher, die eine hohe Antipathie in einem gegenüber das Handeln der Protagonisten geweckt haben, länger im Gedächtnis, als Bücher, in denen schubladenangepasste Weichspülerprotagonisten das Zepter schwingen.

 

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Fährt dein Zug in die richtige Richtung? Oder hättest du nicht schon längst aussteigen müssen? Wo ist die Notbremse und wo der Ausgang? Kann ich dir einen Sitzplatz anbieten? Soll ich deine Hand halten? Wir sind gleich da. - Mirka von Lilienthal