Vorkenntnisse erwünscht

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stephi Avatar

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Annika Bengtzon arbeitet für die schwedische Zeitung „Abendblatt“ und wird mit der Berichterstattung über einen Gasüberfall auf einen schwedischen Eishockey-Star und seine Familie in Marbella beauftragt, bei dem alle Bewohner der betreffenden Villa ums Leben gekommen sind. Kaum in Spanien angekommen finden sich Verbindungen zu einem Dreifachmord in Schweden, für den ein Mann unschuldig verurteilt wurde. Und mehr noch, die Berichterstattung weitet sich zunehmend aus, ungeahnte Zusammenhänge ergeben sich und Annika Bengtzon wird immer tiefer in die Geschichte hineingezogen.

 

Annika Bengtzon ist eine geschiedene Frau, die zwei kleine Kinder hat und deren Leben alles andere als in geregelten Bahnen verläuft. Das Verhältnis zu ihrem geschiedenen Mann ist mehr als dürftig und einzig ihre Kinder und ihr berufliches Engagement scheinen ihr gegenwärtig Halt zu geben.

 

Leider bezieht sich Liza Marklund immer wieder auf vergangene Erlebnisse ihrer Protagonistin, so dass die Kenntnis der bereits erschienenen Bücher eine gute Voraussetzung für das Verständnis des Buches ist. Für Leser, denen die Vorgänger bekannt sind, mag dies angenehm und interessant sein, für andere erschwert diese Tatsache jedoch den Einstieg in das Buch. So fiel es auch mir anfangs sehr schwer, in die Handlung hineinzufinden und eine Beziehung zu Bengtzon aufzubauen. Zu viele Rückverweise waren nur andeutungsweise vorhanden und schwammig. Natürlich sind Rückbezüge bei Serien nicht ungewöhnlich, dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass jeder Leser die Reihe mit komplett liest.

 

Spätestens ab der Hälfte konnte aber auch ich „Kalter Süden“ kaum noch zur Seite legen. Mit jeder weiteren Seite nimmt die Handlung mehr Fahrt auf und mit jeder neuen Erkenntnis steigt die Spannung.

 

Die immer wieder eingebundenen kurzen Erzählungen, deren Wertigkeit sich dem Leser erst am Ende erschließt, schüren die Neugier auf die Lösung der komplexen Zusammenhänge bzw. Strukturen und sorgen zusätzlich dafür, dass Leseunterbrechungen schwer fallen.

 

De Schreibstil Marklunds ist sehr ansprechend und flüssig zu lesen, die Handlung ist schlüssig und spannend, die Charaktere sind glaubwürdig, interessant und vielfältig. Auch dem nach und nach einfließenden Thema Drogenschmuggel wird viel Aufmerksamkeit geschenkt und dem Leser werden auf unaufdringliche Art und Weise die Abläufe des Drogenmilieus dargelegt, so dass hier kaum Verständnisprobleme auftreten.

 

Liza Marklund macht es ihren Lesern nicht ganz einfach, der Handlung zu folgen, den Überblick über die vielen einzelnen Aspekte zu behalten und schließlich die Zusammenhänge nachzuvollziehen. Eine Vielzahl von Personen, Namen, Orten, Verwandtschaftsbeziehungen usw. hat mich während des Lesens nicht nur einmal eine Übersicht herbeisehnen lassen. Zwar gelingt es über den Kontext fast immer, den Überblick wieder zu gewinnen, aber grundsätzlich erfordert es zum Teil schon relativ viel Konzentration, bis zum Ende Verständnisprobleme zu vermeiden.

 

Das Ende selbst hat meinen Geschmack nicht ganz getroffen. Es werden zwar viele Fragen geklärt, aber insgesamt war es doch etwas unbefriedigend und in meinen Augen etwas zu actiongeladen. Zwar werden dem Leser die Machenschaften der Drogenmafia noch einmal deutlich vor Augen geführt, aber dies wäre auch ohne die drastische Darstellung gewährleistet.

Insgesamt konnte mich Liza Marklund letztlich aber doch überzeugen. Obwohl ich anfangs mehrmals geneigt war, das Buch zur Seite zu legen, hat es mich schließlich in seinen Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. Meine Kritikpunkte habe ich ausgeführt, möchte aber anmerken, dass ich es dennoch empfehlen würde. Aus der Sicht einer Journalistin geschrieben erlebt der Leser einmal ganz andere "Ermittlungen", die aber im Gegensatz zu Büchern, in denen Zivilpersonen zu Pseudopolizisten gemacht werden, keinen Mangel an Glaubwürdigkeit aufweisen. Als Journalistin ist es ihr Job, unkonventionell vorzugehen und auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, um so an die gewünschten Informationen zu gelangen. Annika Bengtzon ist schlicht authentisch und das ist das große Plus des Buches.