Das Leben in der Pepys Road

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mickeyk Avatar

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Dezember 2007:
In der Pepys Road, wahrscheinlich benannt nach dem englischen Chronisten Samuel Pepys, der in seinen Tagebüchern das Leben in London zwischen 1660 bis 1669 sehr detailreich beschreibt, lebt eine ethische, soziale und politische Vielfalt friedlich nebeneinander. In Nr. 51 lebt Roger Yount, Devisenhändler in einer Londoner Großbank mit seiner Frau Arabella und seinen beiden Söhnen Conrad und Joshua.
Einige Häuser weiter befindet sich das Heim der hochbetagten Petunia Howe. Sie lebt seit dem Tod ihres Mannes allein in dem großen Haus und bemerkt mit der Zeit, dass es um ihre Gesundheit nicht mehr so gut bestellt ist wie noch wenige Wochen zuvor.
Nur wenige Meter entfernt zieht das junge Fußballtalent Freddy Kamo aus Ghana mit seinem Vater Patrick in das Haus mit der Nummer 27 und in der Nr. 68 befindet sich das Zeitschriftengeschäft von Familie Kamal aus Pakistan.
An sich haben diese Personen nicht viel miteinander gemein, aber eines "vereint" sie doch. Seit einigen Wochen erhält jedes Haus mysteriöse Postkarten, auf welchem die eigene Haustür abgebildet ist und auf der Rückseite der Spruch "Wir wollen, was ihr habt" prangt. Die Polizei ermittelt, tappt aber im Dunkeln...

Auch wenn der Titel "Kapital" vermuten lässt, dass sich dieser Roman hauptsächlich mit dem lieben Geld und der Bankenkrise beschäftigt, ist in den ersten beiden Teilen (Dezember 2007 und April 2008) nur wenig davon zu bemerken. Geld spielt nur bei einer Familie die große Rolle, wenn nicht sogar die Hauptrolle: den Younts. Die Familie ist finanziell zwar sehr gut gestellt, aber die Ehe existiert an sich nur noch auf dem Papier, Roger ist in das neue Kindermädchen verliebt, Arabella liebt teure Shoppingtouren mehr als ihre Kinder und die Söhne werden vom Kindermädchen er-bzw. verzogen.
Auch die anderen Familien scheinen vordergründig glücklich zu sein, was aber gewaltig täuscht. Patrick Kamo, Vater des jungen Fußballtalents Freddy, kann sich mit London überhaupt nicht anfreunden und empfindet sich, da er keine andere Aufgabe hat als auf Freddy zu achten, als wertlos. Die alte Mrs. Howe leidet an einer Krankheit, die nicht mehr heilbar ist und die pakistanische Familie Kamal muss mit der Zerrissenheit zweier Kulturen klarkommen, was zu Problemen zwischen den Brüdern Ahmed, Usman und Shahid führt.

Mit "Kapital" ist John Lanchester ein sehr kritisches Gesellschaftsportrait gelungen, das nicht nur auf Großbritannien angewandt werden kann. Die Hauptpersonen leben teilweise nur noch teilnahmslos nebeneinander her und als glücklich kann man die Wenigsten von ihnen bezeichnen. Vor allem die "Beziehung" zwischen der alten Mrs. Howe und ihrer Tochter Mary (und auch deren Hilfslosigkeit) werden sehr detailreich dargestellt. Dem Autor gelingt es zudem sehr gut, aktuelle Themen wie (illegale) Flüchtlinge, Probleme zwischen den Religionen und Kulturen, aber hauptsächlich die heutige Konsumgesellschaft in den Roman einzubinden und das Buch trotzdem nie langweilig werden zu lassen.

Auch der Einband ist wunderschön gestaltet und lenkt automatisch die Aufmerksamkeit auf den Roman.
Insgesamt vergebe ich für dieses gelungene und kritische Gesellschaftsportrait sehr gerne fünf Sterne.